Haus Winterbergstraße Nr. 8. Foto: um 1975.

Das rechte Haus, war das "Hamburger Teppichlager".

 

 

Haus Winterbergstraße Nr. 8. Foto: 2009.

 

 

 

Geschichte Julius Möhle

 

Wer war Julius Möhle? Ein gewiefter Mann mit ungebremstem Einsatzvermögen. Er wagte es, in seinem Neubau eine Schnapsbrennerei einzurichten. Technisch und leistungsbedingt war sie der „letzte Schrei". Das jedenfalls vergaß Möhle nicht zu erwähnen, wann immer er es der Reklame halber für angebracht hielt. Sein Unternehmen war das erste und einzige in Vlotho, dass jemals alkoholische Getränke und Destillate aus dem Urprodukt herstellte. Je nach Art und Zweck des Gewünschten erfolgte die Rohstoffgewinnung aus Kartoffeln, Weizen, Gerste, Roggen und Wein. Das Ergebnis war Branntwein, der zu Weinbrand (Schnaps), Kognak, Rum, Arrak und Likör verarbeitet wurde.

Die Fabrikation der alkoholischen Erzeugnisse unterlag allerdings dem so genannten Branntweinmonopol. Ein Kontrollmechanismus von Staats wegen, der oft und unverhofft seine Bediensteten aussandte. Für einen möglichen Kleinverkauf hätte es noch eines Schankmonopols bedurft. Möhle war aber nicht im Mindesten daran interessiert. Er vertrieb seine Erzeugnisse nur fassweise, u. a. bis ins Elsaß und Holland. Die Fässer waren nach dem Prinzip der ursprünglich nur hölzernen Bierfässer geböttchert (angepasste Hölzer) worden. Ihr Fassungsvermögen reichte von 30, 50, 75, 100 bis 200 Liter. Sie wurden nur gegen eine verhältnismäßig hohe Gebühr ausgeliehen. Innerhalb einer bestimmten Frist mussten sie an den Absender zurückgeschickt werden.

Meistens war der Sonnabend dem Versand der Möhle’schen Alkoholika vorbehalten. Siekmanns Herrn und Sprangs Jütten spannten sich dann vor einen lang gestreckten zweirädrigen Karren. Die gewölbte Ladefläche war aus vier Zentimeter breiten Stahlbändern und verhältnismäßig großen Zwischenräumen geflochten. So war das Verladen der Fässer leicht zu handhaben, ohne dass man hätte befürchten müssen, dass sie während des Transportes herunter und auf das holprige Kopfsteinpflaster rollen könnten.

Die Vlothoer Zigarrenmacher und die Maurer - das wissen die wenigsten - hatten oft eine „trockene Leber". Sie waren daher dem Schnaps sehr zugetan. Manchmal in geradezu unwiderstehlicher Weise. Ihren Ehefrauen graute davor, dass die Männer, infolge der Inbetriebnahme der Möhle’schen Brennerei, noch mehr Fusel (Branntwein) herunterkippen würden. Da machten solcherart Gespräche unter gewissen Frauen die Runde: „Jetzt könn'se noch mehr seopen (saufen). Dann sind'se janz plemmplemm. Käal, man hatter was mit!"

Bald nach dem Zweiten Weltkrieg gab Möhle seinen Betrieb auf, teils aus Altersgründen, teils wegen der immer mächtiger werdenden Konkurrenz. Sein Sohn hatte Krieg und Gefangenschaft kaum überstanden, als er sich mit einem Hannoveraner zur Gründung einer Zigarrenfabrik im väterlichen Gebäude zusammentat. „Merres & Möhle" lautete die handelsgerichtlich eingetragene Firma. Die Existenz hielt nur wenige Jahre, dann wurde sie von der Zigarrenfabrik H. Schmincke AG übernommen. Diese unterhielt in dem später von dem Zahnarzt Dr. Mülke übernommenem Haus in der Bismarckstraße eine Filiale.