Fortsetzung:

 

In den ersten Märztagen 1950 endete mit der Freigabe des letzten Lebensmittels, des Zuckers, die Zeit von zehn Jahren und sechs Monaten, in der die Deutschen fast alles Essbare nur auf Lebensmittelmarken bekommen konnten. Wie lang die Bremsspur ist, wenn eine Behörde infolge der Dauer ihrer Betätigung einmal richtig in Fahrt kommt, das zeigte sich bei der Aufhebung der Lebensmittelmarken glasklar.

 

Obwohl im Juni 1948, gestützt auf das Gesetz der Marktwirtschaft, nicht nur Grundnahrung, sondern auch manches für die Gaumenfreude wieder verfügbar war, wurde von Amtswegen ungerührt weiter „verteilt".

In der schlimmsten Phase der Bewirtschaftung gab es (zum Teufel noch mal) 37 verschiedene Lebensmittelkarten mit den jeweils dazugehörigen Marken, nicht

 

Ein Beispiel von Lebensmittelmarken wie sie

um 1949 in Deutschland ausgegeben wurden.

 

einbezogen Zulagekarten für Milch, Mehl, Kartoffeln und Eier. Das beispielsweise verwendete Papier für die Brotkarten war rot, für das Fleisch blau, für das Fett gelb, für die Eier maigrün. Ein Kartenchaos war aus dem unterschiedlichen Verteilungsprinzip im Gegensatz zu der geübten Praxis im Ersten Weltkrieg 1914-18 entstanden. Damals bezog jeder Berechtigte die gleichen Mengen, so dass der Ausgleich in der Familiengemeinschaft

erfolgen musste. Im zweiten Weltkrieg aber wurde nach Alter und Geschlecht unterschieden, nach Gesundheitszustand und der zu verrichtenden Arbeit. Die

 

Mitarbeiter im Vlothoer Ernährungsamt mussten schon auf dem Posten sein, sollte alles seine Richtigkeit haben. Zu ihnen zählten unter anderen Amanda Schlüter und Willi Krumme, der schon bei Kriegsanfang verwundet worden und nicht mehr „kriegverwendungsfähig" war. Krumme, dessen Bekanntheitsgrad eher dem Spitznamen „Krummen Mutz" und seiner Beschäftigung als städtischer Vollziehungsbeamter entsprach, musste seiner eigentlichen Tätigkeit

 

Zeitungsmitteilung im Vlothoer Wochenblatt

am 21. Juni 1940.

abschwören, da es nichts zu „vollziehen" gab. Hin und wieder scherte der eine oder andere Entbehrungsgewöhnte und des Wartens überdrüssige Vlothoer aus der Reihe der in der Kartenausgabestelle Anstehenden aus und nahm die im Ernährungsamt Beschäftigten auf den Arm. Krummen Willi antwortete dann gewöhnlich mit stoischer Gelassenheit: „Boshaftigkeiten erhalten die Feindschaft!"

Auch im Geschäftsleben war man im Umgang mit den Lebensmittelmarken auf dem Posten. Im Hotel Delkeskamp, im Hotel Schmidt und in den meisten Gastwirtschaften waren die dort Bedienenden ohne eine am Gürtel herabbaumelnde Schere zum schnellen Abtrennen der Marken nicht mehr vorstellbar. Das waren keine Sperenzchen: denn man wollte sich des papiernen Aufwandes schnell entledigen.

So war das halt...