Haus Wiemann, eine Holzkohle-Arbeit

 von 1935.

 

Haus Wiemann. Foto: um 1945

 

 

 

Die Geschichte des Hauses Lange Straße Nr. 127

 

Über die Geschichte des Hauses, das dem Neubau weichen musste, sind wir genauer unterrichtet als über viele andere Häuser. Im Gegensatz zu den Häusern auf der anderen Seite der Langen Straße, die schon vor 1700 auf dem früherem Tegelkamp erbaut wurden, hat man mit der Bebauung der Bergseite, des Beeerenbrinks, erst später begonnen. Die Erbauungsdaten lieferte uns die Inschrift des Torbogens, die allerdings erst beim Abbruch freigelegt wurde. Denn das Fachwerk des Hauses lag unter Verputz verdeckt.

Vor dem Hause standen zwei Steinbänke, die von einer großen Linde beschattet wurden. Durch die viermal unterteilte Tür trat man auf die große Diele, die ihr Licht durch das zierlich unterteilte Rundbogenfenster über der Tür erhielt. Der Boden der Diele war mit Höxterplatten ausgelegt. Rechts und links der Diele lagen die Geschäftsräume, die später als Wohnungen benutzt wurden. Um stets einen Überblick auf die Diele zu haben, besaß jedes Zimmer ein kleines Fenster dorthin.

Auf der Rückseite des Hauses befand sich die große Küche mit einem zwei Meter breiten Kamin. Von ihr konnte man auch in den einzigen Kellerraum des Hauses kommen. Der Wohnräume des Hauses lagen längs eines breiten Flures im ersten Stock. Die beiden großen Böden dienten als Warenlager. Später hat man auf dem unteren Boden noch vier Wohnräume ausgebaut. Von der Diele wurden die Waren durch einen Aufzug mit Hilfe eines großen Rades nach oben gebracht.

Von den Querbalken an der Vorderseite war nur der unterste beschriftet. Er trug einen Bibelspruch und einen Gesangbuchvers.

Wichtiger für die Geschichte des Hauses war die Inschrift des Torbogens, die leider etwas beschädigt und daher unvollständig war. Oben in der Mitte stand: Gott sey mit uns - Friedrich Joachim Stalfordt - Anno 1718 - Anna Hedewich Feustkings, den 21. Julyus.

Über den Namen des Baumeisters brachte der Torbogen nur die Worte Hinrich und errichtet. Der fehlende Nachnahme stand auf dem rechten Torbalken, den der Bagger ebenfalls beschädigt hatte. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass es Hinrich Helle war, der schon 1684 das Haus von Dr. Malz, und 1700 für dasselbe Ehepaar das Finkhäusersche Haus in der Weserstraße Nr. 5 erbaut hatte.

Dieser Bauherr Friedrich Joachim Stalfordt war um 1660 in Rhaden geboren worden und hatte sich zusammen mit seinem Bruder Conrad in Vlotho niedergelassen. Hier heiratete er 1695 Anna Hedwig Feustking, eine Tochter des Vlothoer Pfarrers Konrad Feustking.

 

200 Jahre im Familienbesitz

 

Sieht man sich die Reihe der Besitzer an, so tauchen zwar verschiedene Namen auf, aber sie haben das Haus immer im Erbgang erworben, so dass es über 200 Jahre im Familienbesitz blieb. Der Erbauer war im Jahre 1720 gestorben. Seine Witwe heiratete sieben Jahre später Levin Justus Dedekind, dessen zweite Frau eine Tochter des Bürgermeisters Steinböhmer war.  Der Sohn aus dieser Ehe, Jacob   Henrich Dedekind (1742 - 1808), war von 1782 bis 1807  Bürgermeister der Stadt Vlotho und wurde beim Einmarsch der Franzosen abgesetzt. Sein Sohn  Carl Gottlieb (1771 bis 1828) war nebenbei Kirchenkassenrendant und hat als erster versucht, eine Geschichte der Stadt Vlotho zu schreiben. Das unvollständige Werk, das 66 Seiten umfasst, liegt heute im Staatarchiv Münster.

Der Sohn und Nachfolger Hermann Henrich (1804 - 1841) hatte keine Erben, und so fiel das Haus an seine Schwester Charlotte Ulrike

Clementine, die mit dem Kaufmann Carl August Heidsiek verheiratet war.

Die große Wirtschaftskrise, die um 1866 die Vlothoer Kaufleute und Fabrikanten heimsuchte, war wohl der Grund dafür, dass 1867 der Kaufmann Heinrich Heidsiek aus Bielefeld, der schon 1842 seine Frau aus der bekannten Vlothoer Kaufmannsfamilie Mühlenfeld geholt hatte, den Besitz, dem auch noch Land gehörte, für 9200 Taler übernahm, womit aber nur die Schulden gedeckt werden konnten. Er übertrug 1879 das Eigentum an seine Tochter Helene Mathilde. Sie starb 1912 und überließ das Haus ihrer Schwester Klara Schuhmacher, die es ihrer Tochter Klara Hebeler vermachte. Von ihr erwarb der Kaufmann August Wiemann 1929 das Haus, an dessen Stelle jetzt das Geschäftshaus steht.