Amtsgericht an der Langen Straße, um 1969.

 

 

 

Die Geschichte des Amtsgerichtes

 

Das einst der staatlichen Rechtspflege vorbehaltene Haus an der Langen Straße Nr. 154 (ab 1910 Nr. 112) war im Jahre 1834 im Auftrag des Vlothoer Arztes Dr. Schrader erbaut worden. Seine Witwe verkaufte es 1841 an die Justizverwaltung für 5.300 Taler. Die bauliche Ausführung war dem hochleistungsfähigen Bauunternehmen Krieger übertragen worden, das in den Jahren 1908/09 auch das Gebäude der Bürgerschule an der Herforder Straße (auf der früheren „Herrenwiese") entstehen ließ, welches ein nach wie vor beeindruckendes Bauwerk ist. Bevor das Amtsgericht Vlotho am neuen Bestimmungsort seine Tätigkeit aufnahm, wurde über dem Eingang des künftigen „Hohen Hauses" ein weiß gestrichenes, schwarzumrandetes Aushängeschild mit der Aufschrift „Königl. Amtsgericht" angebracht. Warum man es unterließ, dem ersten Wort noch die Endung „iches" hinzuzufügen - nun darauf gab es nie eine Antwort.

 

Der Zuständigkeitsbereich des Amtes Vlotho umfasste das Amt Vlotho (damals die Stadt Vlotho und die Gemeinden Valdorf und Exter) und auf der anderen Weserseite auch die Gemeinden Uffeln, Möllbergen und Veltheim. 1884 wurde dem Amtsgericht noch ein Gefängnis zugeordnet, das in einem separaten Anbau untergebracht war. Dort wurden Mitbürger inhaftiert, die

 

Siegel des Vlothoer

 Amtsgerichts

um 1875 - 34 mm

möglicherweise eine Haftstrafe zu erwarten oder gar abzusitzen hatten, allerdings jeweils nur für eine knapp bemessene Spanne von wenigen Wochen. Die Dienstaufsicht über das Gefängnis wurde dem Gerichtsdiener Wilhelm König überantwortet.

Seine Ehefrau hatte für die Beköstigung der Einsitzenden zu sorgen. Beide bewohnten das Obergeschoß des als Gefängnis beanspruchten Hauses. Im Gefängnisbereich bestanden die Zellentüren aus dickem Stahl und die Fenster waren nach außen hin eisenvergittert. Alkoholisierte Randalierer beispielsweise wurden aber zu ihrer Ausnüchterung in einer Zelle im Rathaus betulich „verwahrt". 1931 wurde das Gerichtsgefängnis „eingezogen", also aufgelöst.

Die „inzwischen" beseitigte Delle im holprigen Kopfsteinpflaster der Langen Straße, die da im Vordergrund einen so miesen Eindruck macht, wurde zum Verdruss der Einwohner erst ausgemerzt, nachdem sie fast zwei Jahre überdauert hatte. Der in städtischen Diensten beschäftigte und als einziger für die Ausbesserung von Straßen- und Gehsteigschäden einsetzbare Steinsetzer, Heinrich Gorges, wäre ja auch überfordert gewesen, hätte man ihm nicht eine entsprechende Frist eingeräumt. Der Volksmund hatte ihm den berufswitzigen Beinamen „Platthöppker" angedichtet.

Seit 1841 versahen am Amtsgericht Vlotho folgende Richter ihr Amt: bis 1843 Friedrich Beughem, von 1843 bis 1850 Joseph Weingärtner, von 1850 bis 1875 Friedrich W Reinhold, von 1875 bis 1905 Robert Wippermann, von 1905 bis 1926 Georg Middeldorf, von 1926 bis 1927 Wilhelm Seidenstücker, von 1927 bis  1956 Herbert Klusmann, von 1956 bis  1970 Joachim  Rössiger. Dann endeten Geschichte und Existenz des Vlothoer Amtsgerichts. Seine Aufgabe wurde dem Amtsgericht in Bad Oeynhausen übertragen. Einmal mehr ein offenkundiger Beweis dafür, dass sich die nach dem II. Weltkrieg einsetzende Auszehrungsphase der Stadt Vlotho fortsetzte. - Die genannten Richter und ihre Familien übrigens hatten im Obergeschoß des Gerichtsgebäudes ihren Wohnsitz.

Das ehedem der Justiz dienende Gebäude ging schließlich in das Eigentum der Ärzte-Familie Wünscher über, nachdem sie als Opfer der „Stadtsanierung" gezwungen worden war, ihr berufliches und familiäres Domizil in der Bismarckstraße zu verlassen.

 

Vor 1834 hatte Vlotho den Gerichtsitz in der Weserstraße. Einen Bericht befindet sich auf der Seite „Weserstraße“ unter:

Stichwort Geschichte des Hauses alte Weserstraße Nr. 10

 

 

 

 

 

 

Aus dem Vlothoer Gerichtssaal

Vlothoer Wochenblatt Mai 1962
 

Ein Vlothoer Kraftfahrer war in Valdorf bei Durchfahrt einer Kurve aus der Fahrbahn getragen worden, wobei zwei junge Straßenbäume beschädigt wurden. Ein Strafbefehl über 80 DM war die weitere Folge. Der dagegen eingelegte Einspruch hatte den Erfolg, dass das Verfahren mit Zustimmung des Staatsanwaltes eingestellt wurde.
 

Wegen Fahrlässigkeit im Straßenverkehr und Körperverletzung hatte sich ein Kraftfahrer aus Steinhagen zu verantworten, der am 2.12. 1961 bei der Gastwirtschaft Sasse in Valdorf West mit seinem beladenen Lastzug und Anhänger mit einem entgegenkommenden Pkw zusammenstieß. Da auch eingehendes Studium der vorliegenden Verkehrsunfallskizze keine erschöpfende Klarheit über den Unfallhergang brachte, wurde die Verhandlung vertagt und ein Ortstermin anberaumt.
 

Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses wurde ein Vlothoer Einwohner zu 200 DM Geldstrafe verurteilt. Er hatte sich am 10. 7. 1961 im Apothekerweg einer Gruppe weiblicher Spaziergänger in unbekleidetem Zustand gezeigt. Sein guter Leumund und seine bisherige Unbescholtenheit bewahrten ihn vor einer Freiheitsstrafe.