Nur wenige Meter entfernt, wo einst die jüdische Synagoge stand, wurde ein Gedenkstein aufgestellt, der  am 10. November 1988 eingeweiht wurde. Foto: 2010.

 

 

 

Unser Ehrenbürger Hans Loeb erinnert an die Feier zur Einweihung des Synagogengedenksteines.

 

Loeb-Text:

 

In der ersten Reihe der Menschen, die sich zu dieser Einweihungsfeier versammelt haben, stehen ALLE elf überlebenden Juden als Gäste ihrer früheren Heimatstadt, unter ihnen die, welche in den Todeslagern gefangen gehalten wurden und ihr Leben retten konnten. Einige haben sogar ihre Kinder mitgebracht, die begierig waren zu sehen, was von den Wurzeln ihrer Eltern übrig geblieben ist. Sie alle sehen schweigend zu, und eine Jahrzeitkerze wird am Rande des Gedenksteines entzündet (Jahrzeit ist der Jahrestag des Todes eines nahen Verwandten).

 

In diesem Augenblick hatten wir alle Jahrzeit, als wir der Vergangenheit und der Toten gedachten. Ja, so vieles starb an diesem Tag, doch in erster Linie das Gewissen eines Volkes, das dem Diktat des Hasses willig folgte...

 Wie meine jüdischen Freunde um mich, die dieser Einweihungsfeier zuschauten, hatte ich alles, was deutsch war, verachtet und gehasst. Allein der Klang dieser Sprache ließ mich zurückschrecken, und ich kämpfte lange mit mir, ob ich diese neue Gastfreundschaft annehmen sollte.

Hans Loeb

Foto: 1988.

Schritt für Schritt wurde mir klar, dass diese Haltung nichts zustande brachte. Mir dämmerte es: wenn ich mich dem Hass ergab, musste ich auch anerkennen, dass der Terrorismus sich tatsächlich durchgesetzt, sein Endziel erreicht und damit gewonnen hätte.

Doch ich war noch am Leben, das Schicksal von Millionen war mir erspart geblieben. Ich konnte mein Gesicht wieder dort zeigen, wo es einst verbannt gewesen war, ich hatte das Recht dazu.

So sind wir schließlich dem Ruf aus meiner Stadt gefolgt und haben das „Schtetl"* besucht.

 

Als freier Mann fühlte ich mich wieder. So konnte ich wieder

- durch die Straßen gehen und die Berge hinaufsteigen,

- die vertrauten Wände des Heimathauses berühren,

- im Gemeindehaus der Kirche über die Freuden einer normalen Kindheit

nachdenken und davon berichten, sie der Hölle gegenüberstellen, die danach folgte,

- einen neuen Stadtrat an die Taten des alten erinnern,

- überall als stolzer Jude eintreten,

- bei alten Freunden verweilen, die Tränen vergießen über das Vergangene,

- von Fremden auf der Straße angesprochen werden, die ihren Mangel an Mut bekennen, weil sie nicht eingegriffen und gequälten Menschen geholfen haben,

- jüngeren Leuten die Hand schütteln, die im allgemeinen begierig sind, von uns wenigen die Tatsachen der größten menschlichen Unmenschlichkeit gegen den Menschen zu erfahren.

Glauben Sie mir, das kann eine lohnende und oft ermutigende Erfahrung sein. . .

Hans Loeb

 

* Ein Schtetl (jiddisch שטעטל‎, schtetl; Plural שטעטלעך‎, schtetlech; deutsch „Städtlein“) ist die Bezeichnung für Siedlungen mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil im Siedlungsbereich der Juden.

 

 

 

 

Inschrift der Bronze-Tafel.