Haus Lange Straße Nr. 72. Foto: um 1955.

 

 

 

Geschichte des Hauses - Lange Straße Nr. 72

 

Als Vlotho um 1250 zum ersten Male Stadtrechte erhielt, war der Teil der Lange Straße rechts und links der Mühlenstraße, die zu der schon vor 1258 bestehenden Mühle führte, sicherlich schon bebaut. 1368 wurde Vlotho durch die Mindener Bürger erobert und niedergebrannt. Der bei Ausschachtungen festgestellte Brandschutt dürfte wohl aus dieser Zeit stammen.

Infolge der Pest und anderer Seuchen wurde Vlotho erst allmählich wieder aufgebaut. 1556 zählte man nur 45 Bürgerhäuser. Bis 1686 erhöhte sich jedoch die Zahl trotz

des 30-jährigen Krieges auf 212 Häuser.

In dem damaligen Kataster erscheint das Haus Pollok unter der Nr. 108 Als Besitzer wird Johann Rethemeier genannt. Im Kirchenbuch wird er 1679 als Reitemeier geschrieben. In der Gründungsurkunde der Vlothoer Schiffergilde 1665 heißt er Redtmeyer. Von den 47 Gründern gehörten 5 dieser Familie an.

 

Die Besitzer des Hauses

 

Johann Rethemeier starb 1709 im Alter von 75 Jahren. Er war nicht nur Gildemeister, sondern als "Vorsteher" einer der 8 Stadtvertreter. Nach dem Kataster stand er in der Reihe der Grundbesitzer mit 30 Scheffelsaat oder 20 Morgen an 6. Stelle. Zu dem Besitz gehörten Ackerland auf der Heiligen Seele(am Friedhof) und am "Öljebrink", außerdem ein Garten beim Hause und bei der Mühle.

Verheiratet war Johann Rethemeier mit Margarete Focke, deren Vater ebenfalls einer weitverzweigten Schifferfamilie angehörte. Am 29.1.1679 wird der Sohn Johann geboren, der als Johann Rethemeier jun. 1702 als Schiffsbesitzer genannt wird und 1724 als Joh. R. sen. zusammen mit seinem Sohn Johann R. jun. zu den damals vorhandenen 23 Schiffern gehört, die mehr als 2 Schiffe besaßen.

Am 29.4.1703 heiratete Johann Rethemeier Sophie Margaretha Bellmann, eine Tochter des Schiffers Bellmann. Sie waren es, die das elterliche Haus durch den heutigen Bau ersetzten, wie sich aus der Inschrift über der ehemaligen Toreinfahrt ergibt. Die Jahreszahl fehlt leider .

Aber man kann wohl annehmen, daß es bald nach 1703 erbaut worden ist.

Nachfolger im Besitz des Hauses wurde wieder der Sohn Johann, der aber vor 1743 gestorben sein muß, denn 1743 wird seine Witwe als Besitzerin genannt. Die Hausnummer war damals 109, die erst 1906 bei Einführung der Straßennamen durch die heutige Nr. 72 ersetzt wurde.

 

Ihre Tochter Sophia Margareta heiratete 1761 den Schiffer Johann Heinrich Nagel, der 1780 in einer damaligen Liste von 22 Schiffern genannt wird.

Nach seinem Tode verkaufte die Witwe 1802 das Haus an den Kaufmann Otto Heinrich Brandt, der in 2. Ehe mit Justine Margaretha Mühlenfeld, einer Bürgermeisters-Tochter, verheiratet war. O.H. Brandt starb 1812 im Alter von 75 Jahren. Seine Witwe wurde 80 Jahre alt und starb erst 1835. Aus den beiden Ehen stammten 17 Kinder, von denen nach dem Tode der Mutter 13 als Erben im Grundbuch eingetragen wurden.

Sie verkauften im Jahre 1844 das Haus an den Kaufmann Johann Friedrich Meyer für 2.635 Taler, der aber schon vorher darin gewohnt hatte.

Am 8.3.1875 wurde der Schlachtermeister Adolph Steinberg als neuer Besitzer eingetragen, dessen Vater Isaak Steinberg schon 1819 das Haus Lange Straße Nr. 77 (schräg gegenüber) von dem Kaufmann Dunker

 

Schuhhaus Brand um 1965.

erworben hatte. Adolph Steinberg richtete in dem Haus eine Schlachterei ein, die er bis zu seinem Tode betrieb. 1899 erbten zunächst 6 Kinder, von denen Paul Steinberg schon 1920 in Philadelphia wohnte, das Haus. Sie wurden jedoch von Louis Steinberg abgefunden, der die Schlachterei zunächst weiterführte, 1906 aber eine kleine Zigarrenfabrik anlegte.

Er verkaufte im Jahre 1935 den Besitz an den Kaufmann Rudolf Brand für 20.000 RM und siedelte nach dem Hause Mühlenstraße 5 über und baute sich dort im Garten ein kleines Wohnhaus, wo er seinen Lebensabend verbringen wollte. Aber mit vielen anderen Glaubensgenossen wurde er 1942 in ein Lager verschleppt und ist dort umgekommen. Nach dem Tode von Rudolf Brand wurden sein Sohn Friedbert Brand und seine Ehefrau Gerda

geb. Skroblin als Erben Eigentümer der Imobilie. Im Zuge der Stadtsanierung um ca. 1980 ging das Haus in den Besitz der Stadtsparkasse Vlotho über.

Am 1.Mai 1988 ging das Haus in den Besitz der Eheleute Elvira und Horst Pollok über. Nach einigen Umbauten wurde am 6.11.1988 das Fernsehgeschäft POLLOK von der Herforder Straße 10 zur Lange Straße 72 verlegt. Im Zuge der Erbfolge wird das Haus an den gemeinsamen Sohn Uwe Pollok gehen.

 

Baugeschichte

 

Von der ursprünglichen Beschaffenheit des Hauses ist, abgesehen von den Außenwänden, nicht mehr viel zu erkennen. Daß das Balkenwerk mit den Inschriften noch erhalten geblieben ist, ist in erster Linie dem Verputz zu verdanken, mit dem vor 100 oder 150 Jahren fast alle Fachwerkhäuser in der Lange Straße versehen worden sind.

Inzwischen sind manche Häuserfronten frei gelegt worden und bilden in ihrem bunten Anstrich eine Zierde von Alt-Vlotho. Beim Hause Pollok erfolgte dieses im Jahre 1935. Dabei

stellte sich heraus, daß die Ausfüllung des Fachwerks durch Ziegelsteine erfolgt war, die in verschiedenster Weise angeordnet sind.

Bedauerlicherweise ist die große Einfahrtstür nicht mehr erhalten, sondern zugunsten des Ladens durch eine kleine Tür ersetzt worden. Sie führte, ähnlich wie im Hause Malz, auf eine große mit Steinplatten belegte Diele. Dabei ist auch der oberste Türbalken, der außer den Namen der Erbauer auch noch ein in Vlotho recht seltenes Schnitzwerk mit Weintrauben und Reblaub trug, das sich auch auf den Seitenständern befand, verkürzt worden. Das gleiche Schnitzwerk auf den Konsolen des Erkers ist dagegen neu. Der untere Teil des Erkers mußte

auch dem Laden weichen.

Außer den noch gut erhaltenen Inschriften auf den Querbalken befindet sich im Giebeldreieck das Zunftwappen der Bäcker. Ob im Hause ein Bäcker gewohnt hat, hat sich nicht ermitteln lassen. Vielleicht hat aber der frühere große Kamin an der Rückseite des Hauses dazu gehört. Ob der bei Bauarbeiten festgestellte Steinring das Fundament dieses Kamins bildete oder aber zu einem Brunnen gehörte, läßt sich nicht feststellen.

Aus Karten von 1796 und 1865 ergibt sich, daß das Haus auf beiden Seiten keine unmittelbaren Nachbarn hatte. Es zeigt sich zugleich, daß schon vor 1865 eine Erweiterung des Hauses an der Westseite erfolgte, vielleicht durch den damaligen Besitzer Kaufmann Meyer.

Das wurde anders, als Adolph Steinberg im Jahre 1875 eine Schlachterei einrichtete. Im Garten hinter dem Hause entstanden drei neue Gebäude: ein Schlachthaus, ein Stall für Pferde und Kühe und ein Eiskeller. Sein Sohn Louis gab die Schlachterei auf und setzte an die Stelle des Schlachthauses 1906 eine dreistöckige kleine Zigarrenfabrik.

Zwanzig Jahre später entstand an der Ecke zur Mühlenstraße ein Verkaufspavillon, der von Steinberg für den Verkauf von Blumen gedacht war. Es wurden jedoch später Zigarren hier verkauft. Den ersten Stock des Hauses hatte Louis Steinberg, der Agenturen betrieb, an Frieda Nenstiel vermietet, die ein Wäschegeschäft hatte.

1934 wurde hinten am Hause eine Waschküche gebaut.

1935 ließ der neue Besitzer Rudolf Brand vor allem die unteren Räume zu Läden ausbauen, von denen ein Teil bis 1961 an Frau Minna Arnold vermietet wurde, die darin ein Lebensmittelgeschäft führte. Seine Räume wurden 1961 zum Laden hinzugenommen und zugleich eine neue Schaufensteranlage geschaffen. 1968 wurde der Laden durch Zumietung des Ladens im Hause Eversmeier (Nr. 74), der frei geworden war, erweitert.

Eine größere Veränderung ergab sich im Jahre 1954. Die Zigarrenfabrik wurde abgebrochen und unmittelbar an das Wohnhaus ein Lagerhaus angebaut. Kurz vorher war auch an Stelle des Eiskellers eine Garage getreten.

Zur Mühlenstraße hin, wo die ehemalige Mauer abgebrochen war, wurden neue Ausstellungflächen geschaffen. Es waren zuerst nur Schaukästen und neuerdings daneben noch ein Schaufenster.

1988 wurde der Laden umgebaut und neu gestaltet. Die Schaufensterfront wurde begradigt und dem Fachwerkstil des Gebäudes angepaßt.

1989 ist Uwe Pollok in das 1.OG eingezogen, nachdem Christiane Brand (Tochter von Friedbert Brand) ausgezogen war.

1996 wurde das Dach erneuert.

2005 wurden die Fenster im 1.OG erneuert, nachdem das Denkmalamt in Münster und die Stadt Vlotho nach ca. 8 Jahren Verhandlung (mit Einschränkung) zugestimmt hatten.

 

 

 

 

 

Haus Lange Straße Nr. 72. Seite zur Mühlenstraße. Foto: um 1978.

 

 

Das Haus Lange Straße Nr. 72,

welches 1988 von Horst Pollok erworben und renoviert wurde. Gleichzeitig verlagerte

er sein Fernsehfachgeschäft von der Herforder Straße nach hier. Foto: 2009