Der nachstehende Beitrag entstand, als das Haus „Alt-Heidelberg“ bereits abgetragen war.

Ein Bericht des "Vlothoer Wochenblatt" vom 4. März 1983.

 

 „Alt Heidelberg"
Erkenntnisse aus dem Baugefüge
Von Dr. med. Ulrich Malz
 

Das Haus Lange Str. 70 in Vlotho, nach den langjährigen Besitzern als Baumeisters Haus bekannt, ist abgetragen. Als unser einstmals idyllisches Weserstädtchen noch mit dem werbewirksamen Beinamen „Klein-Heidelberg an der Weser" bezeichnet werden konnte, trug die dort untergebrachte Gaststätte den beziehungsreichen Namen „Alt-Heidelberg". Generationen von Vlothoern ist es so und in seiner letzten Gestalt in Erinnerung. Während des Abbruchs war das Fachwerkgerüst längere Zeit dem Auge zugänglich, so dass bei genauer Betrachtung Einzapfungen, Nagellöcher, Einsägungen und andere Merkmale erkannt werden konnten, woraus man auf den ursprünglichen Bauzustand rückschließen konnte.

 

Sicher ist, dass das Haus, welches nach Bäckerei Begemann (1570-heute Weserstraße Nr. 27) in der unteren Langen Straße und der jetzigen „Zunftstube" (1570) im Höltkebruch das drittälteste Gebäude in Vlotho war, größeren Veränderungen in seiner fast 380jährigen Geschichte unterworfen worden war. Wann dies geschah, lässt sich nicht datieren, nur vermuten. Die Änderung betraf die Straßenfront und im Inneren vor allem den linken Teil des Hauses.

 

Ursprünglich lag die Fassade links 30 cm hinter der allgemein bekannten Front, während rechts die Schankstube einen geringen erkerartigen Vorsprung bildete, wie es ähnlich beim Adrianischen Haus gegenüber auf dem Brink (Baujahr 1619) zu sehen ist. In einer Zeit, als man glatte Fassaden bevorzugte (etwa um 1800) versetzte man die zurückliegende Wand um 30 cm nach vorn und erhielt damit eine glatte, in einer Fluchtlinie mit der Schankstube liegende Front. Nur der Eckständer links und der Winkelständer rechts neben dem Eingang blieben erhalten und wiesen die entsprechenden Zapflöcher auf. Hinter der von Anfang an verputzten neuen Vorderwand verbarg sich am linken  Eckständer eine kräftige, geschwungene Diagonalknagge, wie sie sonst in Vlotho in gleicher Art nicht erhalten ist.

 

Mit dieser „Frontbegradigung" war auch der alte Hauseingang mit seinem Torbalken verschwunden, der wahrscheinlich über den Erbauer und den Baumeister hatte Auskunft geben können. Der darüber liegende, aber durchgehende Inschriftbalken trug das Fachwerkgerüst des Giebels, auf dem nach Abklopfen des Verputzes farbige Bemalungen zu Tage traten. Man konnte deutlich rot-weiß und schwarze Blätter und Ranken erkennen, die auch auf die aus gemauerten Fächer übergriffen. In der Renaissancezeit vor dem 30jährigen Krieg waren derartige Bemalungen durchaus üblich. Bei stattlicheren Bauten sind sie in hölzerner Schnitzarbeit bis heute erhalten und im benachbarten Salzuflen und aus anderen Städten wohlbekannt.

 

Der Inschriftbalken trug mit noch gotisch ausgebildeten Buchstaben einen Spruch in niederdeutscher Sprache. Ähnliches existiert in Vlotho nicht mehr. Er lautete: „ALSO HATT GODT DE WELT GELEVET DAT HE SINEN ENIGEN GEBOREN SONE GAFF UP DAT ALLE DE AN ENE GELOVEN NICHT SCHOLEN VERLAREN WERDEN SUNDER DAT EWIGE LEVENDT HOBEN JOHANN AM 3 CAPITT ANNO 1604 DINGESTAG NACH JACOBI". Zwischen den vorspringenden und den Spruchbalken mittragenden Balkenköpfen war jeweils eine Verzierung in Zahnschnittmuster auf die Füllbalken gesetzt worden.

 

Ohne Zahnschnittverzierung, nur mit gewellten Füllhölzern fand sich in Giebelmitte ein weiterer Spruchbalken mit einem unbekannten Zitat, das vielleicht aus Jesus Sirach im A.T. stammte. Die Inschrift war ebenfalls Niederdeutsch, jedoch in Buchstabenform, wie sie von anderen Fachwerkhäusern geläufig sind: „ANNO 1604 MOST DUT SO SEIN WA SCADET DI BUWEN DAT WERE WOLLUST MEN (sch) DA IDT VELE GELDES KOSTET I.S."

 

Das Innere des Hauses bestand aus einem linken und rechten Seitenschiff, dazwischen lag die 4,40 m breite Deele. Auch hier wurden Veränderungen durchgeführt, wahrscheinlich zur gleichen Zeit, als die Vorderfront versetzt wurde. Die linke Deelenwand wurde um einen Meter nach innen verschoben und um ein Fachwerkfeld die Decke angehoben. Den Ansatz der alten Wand erkannte man deutlich an der Reihe der Zapflöcher in den Deckenbalken. Dadurch erhielt man breitere und höhere Räume im linken Seitenschiff auf Kosten der Deele und des Obergeschosses, das dadurch nur noch bekriechbar wurde.

 

Die Deele erstreckte sich ursprünglich bis zum Hausboden über zwei Geschosse. An ihrer Hinterwand befand sich eine größere, offene Feuerstelle. Der dazugehörige Kamin wurde bei den Abbrucharbeiten freigelegt, er nahm mehrere Züge für Ofenrohre auf. Zur Mühlenstraße hin erweiterte sich die Deele flettartig. Ob auch links ein Flett gewesen war, ließ sich nicht mehr feststellen, da durch die Versetzung der alten Deelenwand die ursprüngliche Verzimmerung entfernt worden war. Der alte Seitenausgang sprach jedoch für das Vorhandensein des vergleichbar üblichen so genannten „Waschortes" dort.

 

Damit ist die Anlage des Hauses in der Form eines hiesigen Bauernhauses geklärt, jedoch sollte man sich davor hüten, darauf zu schließen, dass es auch als solches genutzt worden war. Eher dürfte es als Bürgerhaus, vielleicht als Schifferschänke gebaut worden sein. Dafür sprachen die relative Enge der Deele, die eingebaute Galerie und der hintere Teil des Hauses.

 

 

Vor dem zugemauerten Kamin an der Hinterwand der Deele führte eine Treppe in das obere Stockwerk. Ein Geländer auf vierkantigen gekehlten Säulen bildete zuletzt einen hübschen Blickfang für den Eintretenden. Dieses alte Schmuckstück wird wahrscheinlich nicht von Anfang an, an dieser Stelle gestanden haben, jedoch ließ sich nicht ausmachen, wo sich der ursprüngliche Standort befunden hatte. Über ein kleines Podest gelang man in zwei hintere Räume, die sicherlich früher repräsentative Prachtzimmer mit ihrer Größe von 38 und 22 qm bildeten. Sie nahmen die ganze Breite des Hauses hinten ein, wurden jedoch später durch Einbauten verkleinert. Sie vermittelten damals sicherlich durch ihr ausgewogenes Verhältnis von Länge zu

Ansicht: Mühlenstraße

Breite zu Höhe ein Gefühl der Wohlhabenheit und des Wohlbefindens in ihrer Harmonie.

 

Unter diesen beiden mittelhoch gelegenen Räumen befanden sich eingetiefte Keller, die später als Waschküche auf der linken Hausseite, als Toilettenräume für die Gastwirtschaft auf der Mühlenstraßenseite genutzt wurden. Zwei kleine ursprüngliche Kellerräume lagen unter dem Schankraum rechts vorn.

 

Von dem Podest aus gelangte man über vier weitere Stufen nach vorn auf eine Quergalerie, die etwa zwei Meter vor dem Kamin in 2,50 m Breite die Deele überquerte. Von ihr konnte man über eine Längsgalerie in die beiden vorn rechts über dem Schankraum gelegenen Zimmer kommen, während man links eine gleiche Längsgalerie nur vermuten kann, die bei dem Umbau mit versetzter Deelenwand und Verlust der linken Oberzimmer überflüssig geworden war.

 

In die nach oben zunächst offene Deele zog man später eine Zwischendecke ein und schuf damit ein Mittelzimmer über dem Eingang, wie man auch über den beiden Fletteilen zwei Räume gewann. Ein Absatz im Fußboden markierte die Nahtstelle zwischen Quergalerie und Zwischendecke.

 

Auf den Dachboden gelangte man über eine Bodentreppe, die zunächst über dem linken Seitenschiff gelegen war. Später verlegte man sie auf die rechte Seite, wo sie zwischen die beiden vorderen Zimmer eingeschoben wurde, mit dem Zugang über die Längsgalerie. Der durchgehende Unterzug wurde zu diesem Zweck durchgesägt und das Kopfband entfernt.

 

Auf den Dachboden gelangte man über eine Bodentreppe-, die zunächst über dem linken Seitenschiff gelegen war. Später verlegte man sie auf die rechte Seite, wo sie zwischen die beiden vorderen Zimmer eingeschoben wurde, mit dem Zugang über die Längsgalerie. Der durchgehende Unterzug wurde zu diesem Zweck durchgesägt und das Kopfband entfernt.

 

Auf dem Dachboden befand sich in alter Zeit ein Aufzug, wie er in verschiedenen alten Häusern in Vlotho (Sturhann, Malz, Brenker) heute noch zu finden ist. Das Geviert der Bodenluke und die Durchtrittsstellen des Aufzugseils zeugten davon, während Rad und Welle und die dazu erforderlichen Unterstützungen fehlten. Bemerkenswert war die Reihe der Stuhlsäulen, die den Dachstuhl trugen. Sie zeigten mit ihren vierseitigen Kopfbändern und den leichten Auskehlungen an den Kanten eine sorgfaltige und liebevolle Zimmermannsarbeit.

 

Wenn nun das alte Haus Balken für Balken und Bohle für Bohle abgetragen ist und in naher Zukunft in alter Gestalt wieder erstehen soll, so kann man dies Unterfangen nur begrüßen und dafür Dank sagen. Das Haus war durch sein Alter und sein Baugefüge bemerkenswert und durch seine Lage an hervorragender Stelle in der Stadt Vlotho stadtbildprägend: Es bildete mit seinem Gegenpunkt, dem Fachwerkhaus Brand, die lang gestreckte Eingangsbegrenzung zur Mühlenstraße, die eine der ältesten Straßen von Vlotho ist.

 

 

 

Ansicht, von der Lange Straße.

Stuhlsäulen mit vierseitigen Kopfbändern und leichten Auskehlungen an den Kanten trugen den Dachstuhl. Fotos: Dr. U. Malz 1983.