Haus Lange Straße Nr. 71.  Foto:  2009

 

 

 

Geschichte des Hauses Lange Straße Nr.71

 

In keiner Zeit hat die Veränderung von Vlotho so große Fortschritte gemacht wie nach dem II. Weltkriege. Außer den vielen Neusiedlungen auf den Berghängen hat sich auch das Bild von Alt Vlotho geändert. Man denke nur an das Stück der Langen Straße von Burgstraße bis Höltkebruchstraße, wo auf der Nordseite alles anders geworden ist. Neu- und Umbauten haben dort von den alten Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert nichts mehr übrig gelassen.

Umso erfreulicher ist es, das an der unteren Langen Straße ein altes Fachwerkhaus

 

nicht neuzeitlich umgebaut, sondern in seiner früheren Gestalt   wieder hergestellt wurde und dadurch zu einem Schmuckstück im Stadtbild geworden ist.

Es handelt sich um das Haus von Rechtsanwalt Dr. Adriani, Lange Straße Nr. 71, auf dem Brink, das wie die westlich anschließenden Häuser in früherer Zeit, mit grauem Putz verkleidet worden war, so dass von dem Fachwerk mit seinen Inschriften nichts mehr zu sehen war. Nach der Entfernung der Putzschicht stellte sich heraus, dass es mit zu den ältesten von Vlotho gehört. Es wurde nämlich schon im Jahre 1619 erbaut, während die anderen Häuser meist erst nach dem Dreißigjährigen Kriege entstanden mit Ausnahme des gegenüber liegenden Hauses „Alt Heidelberg" Nr. 70 aus dem Jahre 1604.

Die freigelegten Inschriften lauten:

Oberer Balken: „1619 SOLI DEO GLORIA. ERRETE MICH HERE EWIGER GOT VON ALLE

Haus Adriani, mit Treppe

zur Langen Straße.

 

MEINEN FEINDEN. SPES MEA EST CHRISTUS."

Unterer Balken: „IM GLÜCK ERHEBE SICH KEIN MANDT. ES WENDT SICH OFT, HAT KEIN BESTANDT. EIN RECHTER CHRIST FASST KEI UNMUTH. WEN SICHS GELÜCK FURKEHREN THUT. DEN GOTT IST NUR ALLEIN DER MAN, DERS GLÜCK GEBEN UND NEHMEN KANN."

 

Über den Erbauer ist leider nichts be­kannt. Durch einen späteren Umbau ist der ursprünglich größere Haupteingang mit der dort angebrachten Inschrift verschwunden. Die Annahme, dass der Rentmeister von Briel der Erbauer gewesen sei, trifft nicht zu. Der überlieferte Name „Brillsches Haus" bezieht sich auf einen späteren Be­sitzer.

Da die Hypothekenbücher aus dem 18. Jahrhundert nicht mehr vorhanden sind, wissen wir auch nur wenig über die ersten Besitzer des Hauses. Aus einem Auszug in den Grundakten des Amtsgerichts ergibt sich allerdings, dass das Haus, das vor Einführung der Straßennamen die Nummer 99 hatte, um 1700 die Nummer 88 besaß.  Wenn diese Nummer der Katasternummer von 1685 entspricht, gehörte damals das Haus der Witwe von Jost Fischer. Ein Einwohnerverzeichnis von 1740 nennt als Besitzer Wilhelm Schweppe. Später gehörte es dem Tischler Karl Kuhlmann; nach seinem frühen Tode heiratete die Witwe den Tischler Johann David Brill. Über die späteren Besitzer gibt das 1816 eingerichtete Grundbuch genauere Auskunft. Es waren ein Jahrhundert lang  Apotheker, so dass die weitere Geschichte des Hauses zugleich einen Beitrag zur Geschichte der ältesten Vlothoer Apotheke darstellt.

Der bedeutendste von ihnen war der Apotheker Dr. Carl Doench aus Erder, der am 15. November 1798 das Haus für 1900 Reichtaler vom Tischler Brill kaufte. Zugleich erwarb er das am 17. September 1751 ausgestellte und von Friedrich dem Großen unterschriebene Apothekenprivileg für 4500 Reichstaler nebst einigen pharmazeutischen Apparaten von dem bisherigen Apotheker und    Postkommissar Friedrich August Schmidt, dem damals das Haus Nr. 65 (Ratsstuben) gehörte.

Bevor Doench in dem Hause, das damals sehr baufällig war, seine Apotheke eröffnete, ließ er es für 1390 Reichstaler umbauen. Bei diesem Umbau wurde auch die große Eingangstür zur Diele durch die heutige kleine ersetzt und das Zimmer darüber im ersten Stock gebaut. Der früher viel breitere, auch für Wagen benutzbare „Brink" mit seiner Treppe, die unmittelbar von der Straße  zum Eingang  führte,  wurde  erst 1938 schmaler gemacht. Damals  wurden auch die Bäume vor dem Hause angepflanzt, während die Steinbank schon aus der Zeit von Dr. Doench stammt.

Bei der Versteigerung der Grabsteine des 1819 aufgehobenen Friedhofes an der Stephanskirche hatte Doench den Grabstein des ersten Apothekers von Vlotho erworben und zur Türschwelle verwandt. Die inzwischen längst abgetretene Inschrift ergab, dass Meinhard Edwin Schröder von 1660 bis 1708 gelebt hatte. Er stammte aus Verden und war zweimal verheiratet. Unter dem Stein hatte Doench eine Kupferplatte mit  der  Inschrift  anbringen lassen:  Carl Doench, fünfter Apotheker in Vlotho.

Nach seinem Tode am 7. Mai 1848 erbte sein Sohn Harry die Apotheke, der sie am 13. Dezember 1878 an den Apotheker Heinrich Nagel aus Hessisch-Oldendorf für insgesamt 75.000 Mark verkaufte. Der Wert des Hauses mit Garten wurde auf 18000 Mark angesetzt, während für die Apothekeneinrichtung 7.500 Mark und für die Konzession 49.500 Mark berechnet wurden.

Schon nach drei Jahren, am 7. November 1881, gab Nagel, der nach Rinteln zog, die Apotheke an Ewald Frede aus Elsey bei Hohenlimburg weiter, der allerdings für die Konzession jetzt 61.500 Mark bezahlen musste.

Ein erneuter Wechsel trat am 17. April 1890  ein. Dr. Anton Steiner aus Bocholt erwarb Haus und Apotheke für 115.000 Mark. Während der Hauspreis immer noch mit 18.000 Mark unverändert blieb, kostete die Einrichtung nunmehr 9.000 Mark und die Konzession 88.000 Mark.

Letzter Apotheker in dem Haus wurde schon nach weiteren drei Jahren Adolf Walter sen., der im Jahre 1907 im Garten nebenan die heutige Apotheke erbaute und am 8. Mai 1908 das alte Haus an den Rechtsanwalt Erich Adriani verkaufte. Seinem Sohn und Nachfolger Dr. Hans Adriani gebührt der Dank aller Vlothoer Heimatfreunde,  dass er dem Hause sein ursprüngliches Aussehen wiedergegeben hat.