Nordansicht. Foto: 2010.

 

 

Evangelisch-Lutherische

Kirchengemeinde Wehrendorf

 

Im weitläufigen Hügelland zwischen Valdorf und dem lippischen Wüsten liegt Wehrendorf, eine lockere Streusiedlung mit immer noch weitgehend landwirtschaftlich bestimmtem Charakter zwischen Feldern und kleinen Waldungen. Den kirchlichen Mittelpunkt bilden in einem parkähnlichen Gelände die freundliche „Kreuzkirche" und das Gemeindehaus mit der Pfarrwohnung. Seit dem 1. Januar 1970 ist Wehrendorf nach der Abpfarrung von Valdorf eine eigenständige Pfarrgemeinde mit knapp 1.100 Gemeindegliedern. Damit ist an die sehr alte Geschichte Wehrendorfs, der früheren Vogtei im Amt Vlotho und selbständigen Parochie wieder angeknüpft worden.

 

Etwa im Jahre 900 wird der Flecken Wehrendorf zum Mittelpunkt eines großen Kirchspiels, zu dem die heutigen Gebiete der Gemeinden Valdorf, Bonneberg und Vlotho gehört haben. Die Bewohner von Vlotho mussten also weitere Fußwege auf sich nehmen, um ihre Kirchspielskirche in Wehrendorf aufzusuchen, die man sich als eine größere Kapelle vorzustellen haben wird. Diese Wege wurden erst kürzer, als im 12. Jahrhundert einer der Edlen von Vlotho die Verlegung der Kirche nach Valdorf anordnete. Unter den wenigen Notizen aus der Geschichte der Gemeinde Wehrendorf überliefert eine aus dem Jahre 1399, dass es einen Pfarrer namens Johann Ottermann als „Pfarrer der Parochialkirche 'in Wehrentorp' in der Diözese Minden" gegeben habe. Die Kirche war der heiligen Katharina geweiht. Die Patronatsrechte lagen beim Kloster Loccum, das die Rechte am Kloster Segenstal in Vlotho wahrnahm, zu dem wiederum schon seit 1258 Wehrendorf mit Valdorf gehörte. In seiner „Beschreibung des vormaligen Bistums Minden" von 1877 (Seite 370 f.) schreibt Ludwig A. Th. Holscher:

„Abt Arnold von Loccum übertrug 1477 die Capelle der Hl. Catharina 'in Wehrentorpe' dem Geistlichen Eghard Hobe, und 1505 verlieh Abt Boldewin zu Loccum, nach dem Tode des Plebans (d. h. Pfarrers) Hildebrandt die Pfarre zu Weringtorpe dem Hermann Kollink". Es ist davon auszugehen, dass in jenen Jahrhunderten sich das kirchliche Leben schon überwiegend in der Kirche zu Valdorf abspielte, deren geistliche Versorgung vom Kloster Segenstal in Vlotho aus wahrgenommen wurde.

 

Die Bedeutung Wehrendorfs als Kirchort tritt ganz in den Hintergrund. Jene kleine Kirche, die ursprünglich dort gestanden hat, soll im 30jähri-gen Krieg zerstört, aber später wieder aufgebaut und noch längere Zeit benutzt worden sein, zerfiel dann jedoch im 18. Jahrhundert und wurde schließlich 1828 abgerissen. Der Glockenstuhl, dessen Glocke lange Zeit der Vogtei Wehrendorf als Ruf- und Kirchglocke gedient hatte, wurde 1828 im Garten des Wehrendorfer Pfarrers neu errichtet. Die jahrhundertelange enge Verknüpfung Wehrendorfs mit Valdorf hat kaum mehr eine eigene Kirchengeschichte Wehrendorfs ermöglicht. So ist die Einführung der Reformation im 16. Jahrhundert durch den ehemaligen Franziskanermönch Bernhard Christiani ein Ereignis, dass sich im wesentlichen mit der im 14. Jahrhundert erbauten frühgotischen Kirche in Valdorf verbindet. 1531 musste der schon erwähnte Pfarrer Hermann Kollink sein Amt dem reformatorisch predigenden Bernhard Christiani überlassen, da er sich weigerte, den Gottesdienst nach lutherischem Ritus zu feiern. Der neue lutherische Pfarrer freilich musste von der Gemeinde aus eigener Tasche bezahlt werden, da Kollink nicht bereit war, die Pfründe in Wehrendorf zu verlassen.

 

Greifbare Konturen gewinnt das kirchliche Leben in Wehrendorf erst wieder im 19. Jahrhundert. Der Zerfall der Kapelle und ein wahrscheinlich heruntergekommenes Pfarrhaus hatten den Wehrendorfern keine Versammlungen in einem angemessenen Raum mehr gestattet. Erst mit der Errichtung eines neuen Pfarrhauses mit Konfirmandensaal (1833) war die Voraussetzung geschaffen, wieder Menschen zu versammeln. Bemerkenswert ist, dass im Jahre 1836 auch ein neues Küsterhaus in Wehrendorf gebaut wurde. Das lässt darauf schließen, dass das kirchliche Leben nicht völlig zum Erliegen gekommen war. Konturen eigenen Lebens in der Gemeinde werden wieder greifbar mit der Gründung kirchlicher Vereine 1891. Ein „Jünglings- und Jungfrauenverein" entsteht, aus dem der spätere gemischte Chor hervorgeht, der noch heute mit 40 Sängerinnen und Sängern als Kirchenchor das musikalische Leben der Gemeinde prägt, ebenso der Posaunenchor mit heute über 30 Mitgliedern.

 

1892 wurde in Wehrendorf wieder ein Friedhof angelegt und in Dienst genommen - der alte Kirchhof war bis zum 18. Jahrhundert als Friedhof genutzt worden.

 

Ein entscheidender Schritt wurde 1895 mit der Einrichtung einer weiteren Pfarrstelle in Valdorf getan. In diesen Jahren hatte der Superintendent des Kirchenkreises Eberhard Delius (1892 -1896) die erste Pfarrstelle von Valdorf mit Sitz und Zuständigkeit in Wehrendorf inne. Er wusste, dass in seinem Gemeindebezirk Wehrendorf der Wunsch nach einer eigenen Kirche nicht zur Ruhe gekommen war und trug sich mit der Absicht, eine neue Kirche in Wehrendorf zu bauen. Auch sein Nachfolger, Pastor Heidsiek, hat diesen Plan weiterverfolgt, konnte ihn aber nicht verwirklichen. Man kann sich vorstellen, dass in den Jahren ohne Kirche und sonntäglichen Gottesdienst die Gruppen für den Gemeindebezirk Wehrendorf eine besondere Bedeutung gewonnen haben. Dies trifft auch für die Frauenhilfe zu, die am Beginn unseres Jahrhunderts aus dem Missionsnähverein hervorging und am 10. Mai 1909 dem Verband der Frauenhilfe des Evangelisch-kirchlichen Hilfsvereins angeschlossen wurde.

 

Die ersten Zusammenkünfte fanden im Studierzimmer von Pastor Wex mit etwa 12 -14 Frauen statt. Noch heute gehört die Frauenhilfe zum Grundstamm des Gemeindelebens und versammelt sich 14-tägig. Für die Kinder des Gemeindebezirkes hatte man Sonntagsschulen eingerichtet, in denen sie mit den Inhalten der biblischen Geschichte vertraut gemacht wurden.

 

Bald wurden auch bessere Voraussetzungen für eine eigenständige Arbeit in Wehrendorf dadurch hergestellt, dass 1929 das alte Pfarrhaus zum Gemeindehaus erweitert wurde. Dies hat bis in unsere Tage noch zwei weitere große Umbauten erfahren, so dass es heute als funktionstüchtiges Gemeindehaus mit Pfarrwohnung benutzt werden kann.

 

Während der Zeit des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges konnte die Arbeit in der Gemeinde nur notdürftig fortgesetzt werden. In manchen Gruppen musste man nach dem Krieg von vorn beginnen und alles neu aufbauen. Dazu gehörte auch die Einrichtung eines regelmäßigen Gottesdienstes, der seit Februar 1955 im Gemeindehaussaal gehalten wurde. Dem dringenden Wunsch nach einer eigenen Kirche kam nun der Umstand entgegen, dass die Altstadtgemeinde Bad Oeynhausen eine neue Kirche bekam und die bis dahin benutzte so genannte Notkirche nicht mehr gebraucht wurde. Der damalige Superintendent Heinrich Niederbremer machte die Gemeinde Wehrendorf darauf aufmerksam, dass sie diese Kirche möglicherweise bekommen könne. So kam es, dass in Wehrendorf diese Kirche aufs neue Verwendung gefunden hat.

 

Am 1. Advent 1969 konnte die Kreuzkirche Wehrendorf vom damaligen Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen D. Hans Thimme eingeweiht werden. In einem schlanken freistehenden Glockenturm rufen seitdem 4 Glocken zum Gottesdienst.

 

Im Inneren der Kirche bestimmt das Sichtmauerwerk zwischen den tragenden Holzleimbindern das Bild. Hoch liegende Lichtbänder tauchen die Kreuzkirche in ein freundliches Licht. Besonders eindrucksvoll ist der helle Altarraum, in den durch große Fensterwände nach Süden helles Licht hineinströmt. Eine Orgel der heimischen Orgelbaufirma Steinmann (Vlotho-Wehrendorf) begleitet den Gesang.

 

Ein reiches gottesdienstliches Leben hat sich in den zwei Jahrzehnten des Bestehens der Kreuzkirche entwickelt. Vielfältige Möglichkeiten neuer Gottesdienstformen werden praktiziert, wie Familiengottesdienste und Singegottesdienste oder auch meditative Andachten und Gottesdienste für Kinder in neuer Gestalt.

 

Zugleich werden Wege und Möglichkeiten gesucht, die Gruppen der Gemeinde am sonntäglichen Gottesdienst zu beteiligen, so. z. B. Spielszenen und Dialoge, den Einsatz von Lektoren und eine vielfältige musikalische Gestaltung.

 

Um das Zentrum des Gottesdienstes gibt es eine weit gefächerte Arbeit für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Im Mutter- und Kindkreis versucht die Gemeinde Kinder und vor allem Mütter zu begleiten, an die Kinder wendet sie sich aber besonders im Kindergottesdienst, in der Jungschar, im Kinderchor und Jungbläserkreis. Es gehört zum Konzept der Wehrendorfer Gemeindearbeit, dass der Kirchliche Unterricht in die vielfältigen Möglichkeiten von Kinder- und Jugendarbeit eingebettet wird.

 

Dass die Wehrendorfer Gemeinde nicht nur mit sich selbst beschäftigt ist, zeigen die Kontakte zu zwei Partnergemeinden in der ehemaligen DDR. Seit 1983 besteht durch gegenseitige Besuche Verbindung mit den Gemeinden Kamern und Schönhausen im Kirchenkreis Tangermünde.

 

Ihren besonderen Ausdruck fand diese Partnerschaft darin, dass beiden Gemeinden ein Orgelpositiv überreicht werden konnte und dass Mitarbeiter der Wehrendorfer Orgelbaufirma die große Orgel der Kamerner Kirche renoviert haben. So verbindet die Gemeinden in Ost und West insbesondere das Gotteslob, zu dem die Orgeln, die Königinnen der Instrumente, dennoch die unersetzbaren Dienerinnen sind.

 

Kurt Kükenshöner

 

Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung dem Buch „Kirche an Weser und Werre“ (1991) entnommen.

Dieses Buch ist nicht mehr im Handel erhältlich.

 

 

 

 

Westansicht. Foto: 2010.

 

 

Innenansicht. Foto: 2009.

 

 

Gemeindehaus. Foto: 2010.