Evangelisch-Lutherische

Kirchengemeinde Valdorf

 

Wer die Geschichte und das heutige Leben der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Valdorf kennen lernen will, wird trotz des hohen Alters der Gemeinde zunächst das Jahr 1970 in den Blick nehmen müssen: Am 1. Januar 1970 wurden die drei Pfarrbezirke als selbständige Kirchengemeinden konstituiert; der zweite Pfarrbezirk behielt den Namen der alten Gesamtgemeinde und existiert seither als Ev.-Luth. Kirchengemeinde Valdorf mit ca. 2400 Gemeindegliedern und einer Ausdehnung von fast 15 qkm und einer Pfarrstelle. Im Osten grenzt das Gemeindegebiet an Lippe, im Süden an die Ev.-Luth. Kirchengemeinde Wehrendorf, westlich an die Ev.-Luth. Kirchengemeinde Bonneberg, mit denen sie bis 1969 in einer Kirchengemeinde vereint war. Was den Namen angeht, ist die Gemeinde also sehr alt. Dennoch gehört der Gemeinde Wehrendorf das geschichtliche „Erstgeburtsrecht", weil sie als ursprünglich einziger und dann als der erste Pfarrbezirk den Sitz der Gemeinde und auch die älteste Kirche beherbergt hat. Die Teilung ergab freilich nicht drei in etwa gleich große Gemeinden, so dass bis heute die Gemeinde Valdorf etwas mehr Gemeindeglieder zählt als die beiden Nachbargemeinden zusammen.

 

War früher die Landwirtschaft der beherrschende Erwerbszweig der Gemeindeglieder, so ist heute eine handwerklich-industrielle Struktur abhängig Beschäftigter vorherrschend sowie das Kur- und Erholungswesen: seit 1978 ist Valdorf anerkannter Kurort mit Kurmittelgebiet. Mit der ebenfalls Anfang der siebziger Jahre durchgeführten kommunalen Neuordnung gehört die ehemalige Kommunalgemeinde, 1843 aus fünf Bauerschaften konstituiert, als Stadtteil Valdorf zur Stadt Vlotho. Nach wie vor ist die Gemeinde durch eine Streusiedlungslage gekennzeichnet, die weite Wege mit sich bringt.

 

Bis in die heutige Gemeindearbeit hinein hat das Simeonsstift, im Jahre 1886 vom damaligen Pfarrer von Valdorf und Superintendenten des Kirchenkreises Vlotho, Eberhard Delius (1835 -1897) gegründet und 1892 als „milde Stiftung" von Wilhelm II. anerkannt, eine besondere Bedeutung.

 

Über viele Jahrzehnte hinweg haben die Valdor-fer Landwirte und Gemeindeglieder mit Kartoffel- und Lebensmittelspenden den Unterhalt des „Krankenhauses" - wie es auch genannt wurde - zu sichern geholfen. Aus dem gottesdienstlichen und gemeindlichen Leben ist das „Altenheim Simeonsstift im Johanneswerk e.V." (seit 1979) nicht wegzudenken.

 

Obwohl nicht die älteste - diese stand in Wehrendorf - ist die Valdorfer Kirche erstmals im Jahre 1258 urkundlich erwähnt als Schenkung des Grafen Heinrich von Oldenburg an die Äbtissin des Klosters Segenstal in Vlotho. Erbaut wurde sie vermutlich im 12. Jahrhundert. Im Jahre 1341 ist sie ausgebrannt und im 30jährigen Krieg zerstört worden. Der frühgotische Baustil mit Kreuzgewölbe konnte nicht wiederhergestellt werden, so dass die Kirche im Haupt- und rechten Seitenschiff bis heute eine flache Holz-Kassetten-Decke aufweist, während im linken Seitenschiff das Kreuzgewölbe erhalten geblieben ist.

 

Im Jahre 1839 wurde eine Erweiterung des rechten, südlichen Seitenflügels vorgenommen, die freilich nicht gerade umfangreich ausfiel, aber es fehlte wohl an den notwendigen Mitteln. Durch den Einbau von Emporen, zum Teil sogar zwei übereinander, wurde die Platzzahl den Erfordernissen einer stetig wachsenden Bevölkerung angepasst. Eine wesentliche Erweiterung erfuhr die Valdorfer Kirche im Jahre 1929 durch den Anbau der Sakristei, die bis dahin im Kirchenschiff Platz hatte. Eine Dampf-Zentralheizung wurde bei der Gelegenheit installiert.

 

Im Jahre 1959 wurde die Kirche innen weitgehend umgestaltet, die Emporen bis auf Orgel- und Chorempore wurden beseitigt und die Orgel vom Altarraum in den südlichen Seitenflügel verlegt. Obwohl die Kirche schon damals unter Denkmalschutz stand, ist diese Renovierung aus heutiger Sicht als zu radikal empfunden worden. Im Jahre 1961 wurde die jetzige Orgel von der hiesigen Orgelbaufirma Steinmann gebaut.

 

Besonders erwähnenswert ist die kleine der beiden Glocken, deren Inschrift die Jahreszahl 1514 aufweist und (als Schutzpatronin der Kirche?) die Heilige Katharina nennt. Die große Glocke aus dem Jahre 1924 ist wohl Ersatz für eine im Ersten Weltkrieg eingeschmolzene alte Glocke.

 

Eine weitere Besonderheit der Kirche ist der in die Barockzeit zurückgehende Taufengel, der seit 1762 in der Kirche bei Taufen genutzt wird. Ursprünglich war er mit Blattgold ausgestattet, später wurde er aber übermalt. - Der noch in Gebrauch befindliche Abendmahlskelch stammt aus dem Jahre 1693 und wurde von Hermann Schumacher gestiftet.

 

Über die Einführung der Reformation in Valdorf liegen genauere Angaben vor. Bereits im Jahre 1531 gab es evangelische Predigten nach Luthers Lehre durch den Franziskanermönch und lutherischen Prediger Bernhard Christiani. Gottesdienste, Predigten und das Abendmahl wurden in deutscher Sprache gehalten. Da man den Priester und Vorgänger Christianis, Hermann Kölling (Kollinck), kurzerhand für abgesetzt erklärt hatte, blieben dem ersten lutherischen Pfarrer die Einkünfte aus den Pfarrgütern versagt. Die Gemeindeglieder mussten ihren Pfarrer aus eigener Tasche bezahlen, was auch geschah. Seit der Reformationszeit ist die Reihe der Pfarrer, die in Valdorf ihren Dienst versehen haben, namentlich bekannt. Sie mussten sich in der Regel ihren Lebensunterhalt durch die landwirtschaftliche Nutzung des auf die Gemeinde übergegangenen Pfarrlandes selbst erwirtschaften, und über lange Zeiten hinweg war der Pfarrer zugleich Landwirt.

 

Das noch heute an den Festtagen übliche „Festopfer" diente ursprünglich als Besoldung des Pfarrers neben der sogenannten „Pflicht", die die Höfe im Kirchspiel aufzubringen hatten.

 

Aus der Reihe der in Valdorf tätigen Pfarrer sind vor allem im vorigen Jahrhundert Karl Arnold Kuhlo (1851 - 1868) und sein Nachfolger Eberhard Delius (1868 - 1897) zu nennen. Beide haben segensreich in der Gemeinde mitgewirkt.

 

Die Erweckungsbewegung ist nicht spurlos an der Gemeinde vorübergegangen. Besonders während der Dienstjahre von Karl Arnold Kuhlo und seinem Vorgänger August Schmieding, der die Gemeinde urplötzlich verlassen mußte und nach Amerika auswanderte, lassen sich Auswirkungen lebendigen Glaubens in der Gemeinde beobachten.

 

Bereits in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ereigneten sich handfeste Auseinandersetzungen zwischen dem rationalistischen Valdorfer Pfarrer Friedrich Linkmeyer und einem nach Valdorf verschlagenen Vertreter eines frei-kirchlich-erwecklichen Christentums, dem ehemaligen preußischen Offizier und „Stundenhalter" Carl von Tschirsky (1802-1833). Im Mai 1833 kam es zu einer spektakulären Gottesdienststörung, bei der Carl von Tschirsky mit einer Drohgebärde gegen die Kanzel rief: „Ihr armen Schafe, ihr habt einen falschen Hirten. Wer Ohren hat zu hören, der höre!" Linkmeyer brachte den Vorfall zur Anzeige; als sich von Tschirsky trotz Auflage nicht von der Abhaltung weiterer „Stunden" abbringen ließ, wurde er mit Polizeigewalt ins Vlothoer Gefängnis gebracht, wo er plötzlich verstarb. Das Presbyteriumsmitglieder demonstrativ an den polizeilich verbotenen Stunden auf Valdorfer Höfen teilnahmen, lässt den tiefen Zwiespalt erkennen, der damals in Valdorf geherrscht haben muss. Das „einsame Grab auf dem Winterberg" des Herrn von Tschirsky, der nicht auf dem Kirchhof begraben werden durfte, kündet noch heute von diesen Auseinandersetzungen.

 

Während des Kirchenkampfes im Dritten Reich hat es in Valdorf wiederum Zusammenstöße mit den örtlichen und überörtlichen Machthabern gegeben. Es gab Gottesdienstbespitzelungen und Beschlagnahme von Kollekten. Es ist ein Brief des damaligen Valdorfer Bürgermeisters an Reichsbischof Müller erhalten, in dem Beschwerde über Pfarrer Oberwelland (von 1934 -1967 Pfarrer in Valdorf) geführt und das Entfernen des „Notbundpfarrers Oberwelland" gefordert wird, wozu es freilich nie gekommen ist, weil der größte Teil der Gemeinde hinter ihrem Pfarrer stand. Aber immerhin wurden im Valdorfer Pfarrhaus nachts die Scheiben eingeworfen und das Abhalten von Bibelstunden in Schulräumen verboten. Als im ersten Pfarrbezirk ein DC-Pfarrer eingesetzt wurde, kam es zu einer Spaltung innerhalb der Gemeinde, weil die Menschen teils der NS-Ideologie, teils aber der Bekennenden Kirche zuneigten. Während der Kriegsjahre blieb die Gemeinde von Zerstörungen und Kriegsschäden verschont.

 

Im heutigen Gemeindeleben sind für eine ländlich strukturierte Gemeinde zunächst die traditionellen Arbeitsfelder prägend geworden: der Dienst an Alten und Kranken, der Chöre und Gruppen. Neben der Altenarbeit im regelmäßig stattfindenden Altennachmittag und der Frauenhilfe, die in den 70er Jahren aus zwei Gruppen (Valdorf und Winterberg) zu einer Gemeinschaft mit ca. 100 Mitgliedern zusammengewachsen ist, ist in unserer Gemeinde schon früh die offene Jugendarbeit praktiziert worden. Seit Anfang der 70ger Jahre wurden durch die Jugendreferenten Siegfried Fabry und (ab 1982) Hans-Ulrich Strothmann je besondere Akzente gesetzt, die durch den Erweiterungs-Neubau des Gemeindehauses auch gute räumliche Voraussetzungen bekamen. Bis heute wirken diese Impulse nach, obwohl zusätzliche Gruppenangebote und Kreise (Kinderclub, Jungschar) das Angebot für Jugendliche ergänzen und verstärken. Wir freuen uns darüber, dass - durch die Tätigkeit des regionalen Jugendreferenten unterstützt - viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv sind.

 

Vor dem Hintergrund der relativ großen Streusiedlungs-Lage der Gemeinde wird der stetige Versuch unternommen, das gottesdienstliche und gemeindliche Leben zu intensivieren. Dabei ist es uns wichtig, den heutigen Herausforderungen des Glaubens durch Gesprächsabende, Seminare und Erwachsenen-Bildungsveransaltungen auf der Spur zu bleiben. Die Themenbereiche des sogenannten konziliaren Prozesses, Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung, sind eine konkrete Herausforderung. So versucht unsere Gemeinde, mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln ihrem Auftrag gerecht zu werden, Gemeinde Jesu Christi im Horizont weltweiter Verantwortung zu sein.

 

Ludwig von Behren

 

Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung dem Buch „Kirche an Weser und Werre“ (1991) entnommen.

Dieses Buch ist nicht mehr im Handel erhältlich.