Evangelisch-Lutherische

Kirchengemeinde Holtrup-Uffeln

 

Das Gebiet der Ev.-luth. Kirchengemeinde Holtrup-Uffeln erstreckt sich im großen Weserbogen von Borlefzen im Süden über Uffeln und den Buhn bis nach Holtrup und jenseits der Autobahn nach Vennebeck im Norden. Insgesamt sind das 19,78 qkm. Charakteristisch sind die Weserterrassen, die sich vom Buhn (169 m) herab zur Weser senken. Politisch gehört der 1. Pfarrbezirk Holtrup-Vennebeck zur Stadt Porta Westfalica und zum Kreise Minden, der 2. Pfarrbezirk Uffeln (seit dem 1.1.1973) dagegen zur Stadt Vlotho und zum Kreise Herford. Die Gemeinde hat insgesamt 4.817 Gemeindeglieder (Holtrup-Vennebeck l.825, Uffeln 2.992).

 

Die Ursprünge des Kirchspiels Holtrup liegen im Dunkeln. Ausgrabungen in der Kirche belegen, dass schon vor 1000 eine erste Vorgängerin dort gestanden haben könnte; die Anfänge gehen wohl bis in die Zeit der Christianisierung der Sachsen zurück. Da der Name „Holtrup" (d.h. Holzdorf) aber ursprünglich nur den vier an der Kirche gelegenen Hofstellen anhaftete und die sehr früh zur geistlichen Organisation des Bistums Minden gehörige Pfarrkirche in Holzhausen nur 4 km entfernt liegt, könnte es sich in Holtrup auch um eine Eigenkirche eines adligen Geschlechtes gehandelt haben. Spielte die Nähe der Weserfurt in Vössen eine Rolle, über der sich noch heute die Reste einer alten Wallanlage erheben?

 

Wie es sich auch damit verhalten mag: Irgendwann im frühen Mittelalter wurde das Kirchspiel Holtrup mit seiner am nördlichen Rande auf dem unteren Buhn gelegenen alten Kirche begründet. Zu ihm gehörten die folgenden Bauerschaften — in Klammern seien die ersten urkundlichen Erwähnungen und die älteste Schreibweise vermerkt: Borlefzen (Brunlevessen 1260), Holtrup (Holtorpe 1354), Uffeln (Uflen 1258), Vössen (Fridegerssun 1033). Das seit 1983 neu dazugehörende Vennebeck tritt erstmalig 1029 als Vanebeke ins Licht der Geschichte.

 

Wir wissen wenig über die Ereignisse im Mittelalter. Kein Name eines der in Holtrup amtierenden Priester ist uns überliefert. Das Sagen hatte der Bischof in Minden, aber auch der Edelherr vom Berge, der Vogt des Stiftes Minden war und im Kirchspiel viel Grund und Boden besaß. Wohl im 12. Jahrhundert trat an die Stelle des flach gedeckten Saalbaus mit Rechteckchor eine romanische Kirche, deren wuchtiger Turm bis heute steht. War Maria die Patronin der Kirche, wie man aus dem späteren Altar erschließen könnte? Schwere Zeitläufe haben die Menschen durchstehen müssen, wie aus zwei Urkunden des 15. Jahrhunderts hervorgeht. Der Bischof von Minden, inzwischen auch Landesherr, beklagt sich über Bernhard, den Edlen Herrn zur Lippe, dass er ohne Vorwarnung die Dörfer „Holthusen, Venebeke, Costedt, Holtorppe, Vordessen" geplündert und angezündet habe. 1496 wird im Hinblick auf „Holtorppe" und seine „Lande" von „Verderb und Verwüstung" gesprochen. Diese Zustände mögen den dunklen Hintergrund dargestellt haben, vor dem sich die Ereignisse des Jahrhunderts der Reformation abspielten. Da ist zuerst der Bau des spätgotischen Kirchenschiffes zu nennen. An einem südlichen Außenpfeiler findet sich die Inschrift: „Anno Domini 1517 mester Johann kruse me fecit" („Im Jahre des Herrn 1517 hat Meister Johann Kruse mich erbaut"). Aus dem Jahre 1525 stammte der Altar in seiner ursprünglichen Anordnung: „Im Mittelschrein zeigte er die Madonna, umgeben von vier Aposteln, und in den Seitenflügeln die restlichen acht Apostel" (Dietmar Wohl). Maria und das Kind waren damals noch von einem Kran/ von Rosen umgeben (bis 1928). Den Künstler der hervorragend geschnitzten Figuren vermutet man im Werkstattumkreis des Hildesheimer Benediktmeisters. Der Stifter und sein Motiv sind unbekannt.

 

Wann die Reformation im Kirchspiel Holtrup eingeführt wurde, kann nicht exakt belegt werden. Wir können jedoch sagen, dass dieses vor dem Jahre 1558 geschehen sein muss. Aus diesem Jahre datiert nämlich die obere Tür zur Kanzel in der Kirche. An der Innenseite steht die Inschrift zu lesen: „DIC EIS ET LIBERASTI ANIMAM TUAM" („Sage es ihnen, und du hast deine Seele befreit", vgl. Hesekiel 3,19) mit der Abkürzung V(erbum) D(ei) M(anet) I(n) E(ternum) („Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit", vgl. Jesaja 40,8). Dieses Jesaja-Wort, auf das auch im Neuen Testament Bezug genommen wird (1. Petrus 1,25), war eine Devise der Protestanten.

 

Nach der bisherigen, auf die „Mindische Geschichte" von Schlichthaber zurückgehende Tradition galt Balthasar Lamberti als der erste evangelische Prediger in Holtrup. Das kann aber nicht zutreffen, denn nach dem Zeugnis unseres ältesten Kirchenbuches starb Lambertis Witwe erst 1647. Balthasar Lamberti ist möglicherweise identisch mit einem aus Freudenstadt in Schlesien stammenden Studenten Balthasar Lambertus, der 1616 an der Universität Wittenberg immatrikuliert wurde. Ob er dann in den Wirren des 30jährigen Krieges nach Holtrup verschlagen worden ist? Der erste Pastor in Holtrup nach dem schrecklichen 30jährigen Kriege war Johann Calmeier aus Minden. 1647 setzte die schwedische Regierung ihn ein. Tatkräftig ging er ans Aufbauwerk. Im gleichen Jahr legt er das erste Kirchenbuch der Gemeinde an. Es beginnt mit einer Spendenliste für ein neues Leinentuch, „um die armseligen und schoflen Särge abzuedecken".

 

40 Haushaltungsvorstände aus Holtrup und Vössen und 35 aus Uffeln. In den Höfen und Borlefzen „Leute durchs Holtz" genannt, sind auf ihr verzeichnet. 1648 wurden lt. Kirchenbuch 26 Kinder getauft, 5 Paare getraut und 7 Gemeindeglieder von 500 Einwohnern beerdigt.

 

Über die Gemeindeverhältnisse damals wissen wir recht genau Bescheid durch das Protokoll der Visitation, die 1650 auf Befehl der kurfürstlichbrandenburgischen Regierung im seit dem Westfälischen Frieden weltlichen Fürstentum Minden durch den Superintendenten Julius Schmidt durchgeführt wurde. Visitiert wurde nach den „Objekten" Gottesdienst, Prediger (Amtshandlungen), Zuhörer, Altarleute, Schule, Küster, Kirchengüter und Pastorenwitwen. Wir erfahren, dass die Gottesdienste damals 3 Stunden dauerten und jedes Mal mit dem Heiligen Abendmahl verbunden waren. Mit dem Visitationsgottesdienst war ein Katechismusexamen der Gemeinde (der Erwachsenen!) durch den Superintendenten verbunden. Vom Gottesdienstbesuch sagen die Gemeindeglieder, „sie stellten sich nach allem Vermögen ein", während der Pastor davon nicht zu rühmen weiß.

 

Der Pastor lebte „aus seinen Ländereien" und einem „Opfer" zu Weihnachten. Ihm zur Seite standen drei „Altarleute": Dietrich Kröger, Hinrich Siekmeyer und Johan Westrum. Das waren also, nach heutigem Sprachgebrauch, die ersten uns bekannten Presbyter. Der Küster, Melchior Gieseke, amtierte zugleich als Schulmeister und unterrichtete die wenigen Kinder, die kamen.

 

Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren nach den langen Kriegsjahren schlimm, so dass nur der 5. Teil der Gemeindeeinkünfte einkam. Pfarrhaus, Küsterei und Kirche waren in schlechtem Zustand, die größere Glocke zerborsten.

 

Mit großem Einsatz ging die verarmte Gemeinde jedoch an die Neuausstattung der Kirche: 1660 wurden die Bänke wiederhergestellt. Im gleichen Jahr wurde die „Twasprieche" (querverlaufende Empore im Westen) gebaut, geschnitzt, bemalt und mit einer Inschrift versehen: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren 1660". Schon 1664 folgte die Seitenprieche, die in der Folgezeit noch dreimal verlängert wurde. Ein Kelch aus dem Jahre 1661 überstand als einziges Altargerät die erneute Verwüstung der Kirche, dieses Mal durch französische Truppen, im Jahre 1679.

 

Für das 18. Jahrhundert haben wir nur die wenigen Angaben, die die Kirchenbücher hergeben. Sie lassen eine Zunahme der Amtshandlungen erkennen. Auch ein erstes Konfirmandenverzeichnis findet sich. 1760 werden 15 Jungen und Mädchen im Alter von 13 und 14 Jahren konfirmiert. Bemerkenswert ist die Nachricht von den Küstern, die in drei Generationen aufeinander folgend der Gemeinde gedient haben. Sie hießen alle drei Anton Nagel. Der mittlere war der erste uns namentlich bekannte Organist, der 40 Jahre lang seinen Dienst versah. All dies geschah in Zeiten von Armut und Verfall. So schildert es 1810 Pastor Habbe im Kirchenbuch.

 

Aus dem Jahre 1740 stammt das erste Gemeindesiegel: Es zeigt in Anlehnung an die Sintflutgeschichte und die Schnitzerei an der Kanzel zwei Tauben mit Olivenblättern über einem Hügel mit Blüte und Zweig: eine Anspielung auf die beiden Bauernschaften des Kirchspiels Holtrup, Vössen und Uffeln, und den sich damals von Vössen bis Borlefzen hinziehenden Buhn?

 

Das frühe 19. Jahrhundert brachte einschneidende Änderungen der Kirchenverfassung. Heftigen Widerstand löste in der Gemeinde Holtrup — wie sonst nur in den Gemeinden Veitheim und Holzhausen — die vom preußischen König verfügte Einführung der neuen Kirchenordnung im Jahre 1835 aus. Man sah mehr die befürchteten damit verbundenen höheren Personal- und Verwaltungskosten als die damit beabsichtigte bessere Gestaltung des kirchlichen Lebens. Auf einer Gemeindeversammlung in Holtrup kam es zu einem Boykott der anberaumten Presbyteriumswahl durch die neu eingeführten Gemeinderepräsentanten. Erst nach obrigkeitlicher Strafandrohung und sanftem Druck durch den Superintendenten auf die „widersetzliche" Gemeinde gelang am 8.8.1836 die Wahl — nicht ohne, dass einige Dickschädel ihr fernblieben und einige, die mit gewählt hatten, sich entfernten, ohne das Protokoll zu unterschreiben!

 

1839 erfolgte eine Visitation der Gemeinde. Das Protokoll spricht von einem „im allgemeinen zufrieden stellenden" Gottesdienstbesuch, dem sich nur ganz wenige Gemeindeglieder entziehen. „In sehr vielen Familien wird das Tagewerk gewöhnlich mit gemeinsamer religiöser Erhebung angefangen und beschlossen, häusliche Erbauungsstunden aber sind außerdem nicht gewöhnlich". Im Hinblick auf das Lernen der Konfirmanden wird „zu viel Buchstäblichkeit" beanstandet.

 

Unter dem 14.3.1841 vermeldet das Protokollbuch den Übergang der Gemeinde von der „Diözese" Minden zur „Diözese" Vlotho, also zum heutigen Kirchenkreis.

 

Gut informiert sind wir über das Gemeindeleben zur Zeit des Wirkens von Pastor Eduard August Goecker (1841 - 1873). Von ihm und seiner Frau Julie, geb. Schreiber, haben wir auch die ersten Bildnisse. Er war ein sehr gewissenhafter Seelsorger. Damals gab es im Kirchspiel Holtrup mit seinen beiden Bauernschaften Vössen und Uffeln 900 Seelen. Einmal im Jahr machte der Prediger zusammen mit einem Presbyter bei jeder Familie einen Besuch mit intensivem seelsorgerlichen Gespräch. Er lobte gern, scheute sich aber auch nicht, offen anzusprechen, was er vom Worte Gottes her als Sünde erkannte. Er lobte den Fleiß im Besuch der Gottesdienste und die Friedfertigkeit der Holtruper in den Familien und untereinander. Zu schaffen machten ihm der unmäßige Branntweingenuß bei Einzelnen — er gründete 1846 einen Enthaltsamkeitsverein - und das schon damals verbreitete Zusammenleben junger Leute vor der Ehe. Er warnte aber auch die Braven: „Viele glauben schon dann gute Christen zu sein, wenn sie fleißig zur Kirche und zum heiligen Abendmahl gehen und sich von groben Sünden rein halten". Die Visitationsprotokolle jener Jahre geben Auskunft darüber, dass es „erbauliche Versammlungen" unter dem Einfluss der Erweckungsbewegung in unserem Kirchspiel nicht gab. Aber der Pastor hielt Bibelstunden am Sonntagnachmittag abwechselnd in den Schulen in Holtrup und Uffeln. Dabei wurde auch der Missionsgedanke unter die Leute gebracht; 1857 gab es das erste Missionsfest.

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts — die Gemeinde zählt inzwischen 1600 Seelen — zeigen sich nach Jahrzehnten einer großen Stabilität im Gemeindeleben und Jahrhunderten sozialer Undifferenziertheit neue Entwicklungen. Den Glasarbeitern der Hütten in Porta, die durch Nachtarbeit ermüdet sind, fällt der Gottesdienstbesuch schwer. Das immer wieder angestrebte Ziel des Presbyteriums, die Beichte schon samstags, statt vor dem Sonntagsgottesdienst stattfinden zu lassen, ist wegen der Arbeitsverhältnisse nicht zu verwirklichen. Tendenzen der Säkularisation werden erkennbar. Dem Pastor machen die „Tanzlustbarkeiten" der Vereine, besonders am Wochenende, Sorgen. Ein kirchlicher Jünglingsverein ist wieder eingegangen. Bemerkenswert: „Krankenkommunionen werden viel begehrt und sind vor dem Sterben Regel". 1891 ist ein neuer Friedhof in Benutzung genommen worden.

 

Leider ist das Protokollbuch des Presbyteriums für die Zeit von 1878 - 1920, also auch für die Wirkungszeit des späteren Präses Karl Koch als Pfarrer in Holtrup (1903 - 1914), verschollen. In einem erhaltenen Visitationsprotokoll (1907) ist nun schon von drei Schulen die Rede — die Schule auf dem Buhn ist auf Grund der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Besiedlung hinzugekommen - in denen Bibelstunden abgehalten werden. „Gemeinsame Hausandacht bürgert sich nicht recht ein, Tischgebet wird weit nicht in allen Häusern gehalten", so wird bedauernd vermerkt. 1908 wird das neue Pfarrhaus bezogen mit seiner Inschrift: „Ein feste Burg ist unser Gott". Zur Zeit von Pastor Koch entstehen der Posaunenchor (1912) und ein „Christlichpatriotischer Männer-Verein zu Holtrup" (1910), dessen Zielsetzung ganz dem Geist der Zeit entspricht: „Der Verein steht auf dem Boden des evang. Bekenntnisses und stellt sich die Aufgabe, Gottesfurcht und Vaterlandsliebe in unserem Volke zu erhalten und verbreiten zu helfen, und will, ohne seine Mitglieder auf das Programm einer politischen Partei zu verpflichten, alle Bestrebungen, die eine Lösung der sozialen Frage auf friedlichem Wege versuchen, unterstützen und fördern, dagegen solchen Bestrebungen, die Thron und Altar bedrohen, entgegentreten". Das Ende der Monarchie nach dem verlorenen Krieg und die Trennung von Kirche und Staat bringen schon am 27.11.1918 die Verfügung des Endes der geistlichen Schulaufsicht. Allmählich, nicht ohne Spannungen, löst sich in der Folgezeit auch im Kirchspiel Holtrup die Lehrerschaft zunächst vom Küsterdienst, später auch von der Kantoren- und Organistentätigkeit. 1925 zählt die Gemeinde 2178 Seelen (668 Holtrup, 1596 Uffeln). 1927 wird ein Gesuch der Kirchlichen Vereine in Uffeln um den Bau eines Gemeindehauses „aus Mangel an Mitteln" abgelehnt. 1922 ist das Gründungsjahr des Kirchenchores. Es folgen die Gründungen der Frauenhilfen in Holtrup (1925), Uffeln (1926) und Buhn (1926).

 

Pastor Ernst Lohmann, an historischen Dingen sehr interessiert, verfasst die erste „Geschichte der Kirchengemeinde Holtrup" (nach 1928). Er weiß viel über Aberglauben in der Gemeinde zu berichten — was in früheren Aufzeichnungen nie ein Thema gewesen war — ein Zeichen für das Schwinden des Glaubens? 1928 wird eine große Innenrenovierung der Kirche durchgeführt, die sich auch auf Altar, Orgel und Gestühl erstreckt.

 

Im Dritten Reich stehen Pastor und Presbyter zur Bekennenden Kirche durch Beschlüsse und Einsprüche gegen den Arierparagraphen (29.11.1935) und die Aushöhlung der presbyterial-synodalen Ordnung, die in schweren Kämpfen errungen, sich 1. Jahrhundert lang bewährt und zum Segen der Gemeinde ausgewirkt hat als unaufgebbares Erbe der Väter" (Protokollbuch 13.4.1938). Am 12.4.1934 schließt sich die Gemeinde durch einstimmigen Beschluss von Presbyterium und Größerer Gemeindevertretung — letztere bestand bis 1936 — der Westfälischen Bekenntnissynode an. Der Amtsbürgermeister als Ortspolizeibehörde wusste zu berichten, dass sich im Holtruper Kirchspiel 850 Personen zur „Bekenntnisfront" bekannt hätten. Ein Gendarm, der den Auftrag hatte, den Gottesdienst zu „überhören", meldete, dass Pastor Lohmann „für die Brüder, die im Konzentrationslager untergebracht sind", gebetet habe (Bericht vom 1.4.1934). Die Glocken schwiegen aus gleichem Anlass (April 1935). Flugblätter der Bekennenden Kirche, die die Frauenhilfe bzw. deren Vorsitzende, Frau Utta Lohmann, verteilt hatte, wurden als Belege für zu ergreifende Maßnahmen von einem Uffelner NS-Funktionär weitergereicht. Darunter befand sich die Eröffnungsrede von Präses Koch auf der Provinzialsynode vom 16.3.1934: „Die Zeit des Bekennens ist gekommen!"

 

Der unselige Krieg brachte Tod und Leid über viele Gemeindeglieder. Evakuierte aus dem Ruhrgebiet und Vertriebene aus dem Osten fanden in Holtrup und Uffeln eine neue Heimat. 1947 zählte man „ca. 3400" Gemeindeglieder. Männerkreise kamen zu den Frauenhilfen hinzu. Eine CVJM-Arbeit und Jungmädchenkreise entstanden. Vor 1950 schon wurde ein Partnerschaftsverhältnis zur Gemeinde Berlin-Buchholz begonnen. 1955 erfolgte eine gründliche Renovierung der Kirche (neuer Altar - neue Orgel), 1960 -

1961 eine Erweiterung des Gemeindehauses („Schmalenbach-Haus", genannt nach dem Erweckungsprediger Theodor Schmalenbach und seiner 1835 als Tochter des Pastors Huhold im alten Holtruper Pfarrhaus geborenen Frau Marie Schmalenbach, Dichterin des Liedes „Brich herein, süßer Schein"). Zur Neuordnung des Gottesdienstes nach der Agende von 1959 heißt es 1961 im Protokollbuch: „Das Presbyterium möchte auch hoffen, dass der Kirche und Gemeinde im Zuge einer einheitlichen Gottesdienstgestaltung damit gedient ist, weiß aber und betont, dass wahres „Leben" nicht aus einer Ordnung, sondern nur durch den Geist gewirkt werden kann, und erbittet vom Herrn der Kirche, dass er die Liturgie und die Predigt allezeit erfülle und bestätige mit dem Zeugnis und der Kraft seines Geistes, auf dass wir im Segen das Siegel der Versöhnung mit Gott empfangen".

 

1962 tritt die erste Gemeindeschwester der Gemeinde, Diakonisse Luise Meier, nach 36 Jahren Dienst in Holtrup und Uffeln in den Ruhestand. Inzwischen erwies sich eine Verbesserung der gemeindlichen Versorgung der Uff einer durch die weiten Wege nach Holtrup und durch das Anwachsen der Bevölkerung als immer dringlicher. 1959 erbaute die politische Gemeinde Uffeln eine Kapelle auf dem dortigen neuen Friedhof. An der Einrichtung beteiligte sich die Kirchengemeinde mit namhaften Beiträgen. Von nun an fanden monatlich Gottesdienste in der Friedhofskapelle statt. 1970 fasste das Presbyterium den Beschluss, in Uffeln ein Gemeindehaus zu errichten, 1971 folgten Beschlüsse, ein Pfarrhaus zu bauen und die Trägerschaft für einen von der politischen Gemeinde Uffeln gebauten Kindergarten zu übernehmen. Im gleichen Jahr genehmigte das Landeskirchenamt eine neue Pfarrstelle. In den kommenden Jahren konnte sich ein vielfältiges Gemeindeleben im Gemeindebezirk Uffeln vor allem auf dem Gebiet der Frauenarbeit (Frauenhilfe, Frauenabendkreis) und in der Jugendarbeit (Jugendkreis, Kindergottesdienst) entfalten. Ein „Arbeitskreis — Aktuelle Gemeinde" bereitet Gemeindeveranstaltungen vor. Seit 1986 heißt die Friedhofskapelle „Friedenskirche". Auch im Gemeindebezirk Holtrup gab es eine Vermehrung der Arbeitsgebiete. 1973 übernahm die Kirchengemeinde die Trägerschaft über den im Gebäude der früheren Grundschule Holtrup errichteten Kindergarten. Es bildete sich ein Altenclub in kirchlicher Trägerschaft und ein Kreis für junge Ehepaare. Als Ergänzung zum CVJM entstanden weitere Jugendkreise. 1978 erfolgte im Zusammenhange mit der Anlage einer Fußbodenheizung und den Ausgrabungen eine Gesamtrenovierung der Kirche. Das Jahr 1983 brachte eine Umpfarrung der Vennebecker Evangelischen von der Kirchengemeinde Holzhausen zur Kirchengemeinde Holtrup-Uffeln.

 

Unsere Gemeinde ist in verschiedener Weise geprägt worden. Grundlegend war sicherlich eine gemäßigt lutherische Frömmigkeit. Von jenseits

der Weser, aber auch durch einzelne Pastoren gab es einen gewissen Einschlag des Pietismus. In den letzten Jahrzehnten wirkten auch die Erkenntnisse der Bekennenden Kirche nach. Das Interesse an den Folgerungen des christlichen Glaubens für die aktuellen Fragen von Öffentlichkeit und Oekumene ist bei vielen gewachsen, vor allem im Frauenabendkreis und bei engagierten jüngeren Gemeindegliedern. Grundlegend ist für unser Gemeindeleben, was Pastor Paul Colberg schon 1956 schrieb: „Wort und Sakrament, das sind die Quellen, aus denen der Glaube sich speist, so steht's im Bekenntnis der Väter unseres Glaubens". Deshalb versuchen wir, die volksmissionarische Komponente der Gemeindearbeit festzuhalten. In unserem Presbyterium und auf Mitarbeiterfreizeiten haben wir besonders über den neutestamentlichen Sinn der Sakramente und ihre heutige gottesdienstliche Ausgestaltung nachgedacht.

Die Aufgabengebiete der Gemeinde haben in den letzten Jahrzehnten sehr zugenommen. (z.B. Weltgebetstag der Frauen, Arbeit mit jungen Ehepaaren und Kindergartenarbeit). Dabei ist uns die Mitte unseres Auftrages besonders wichtig, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen, und zur Freiheit des Christenmenschen zu ermutigen. Es ist unsere Aufgabe, uns den Alten und den Jungen und den Menschen in der Mitte des Lebens zuzuwenden und sie für eine Mitarbeit mit ihren Gaben zu gewinnen.

 

Mittelpunkt, aber bei weitem nicht einziger Ausdruck des Lebens unserer Gemeinde sind die Gottesdienste einschließlich der Kindergottesdienste. Dabei versuchen wir, recht viele Gemeindeglieder an der Gestaltung zu beteiligen und so deutlich zu machen, dass nicht der Pastor allein den Gottesdienst hält. Eine große Bedeutung haben für uns die Familiengottesdienste unter Mitwirkung der Gemeindegruppen und Kindergärten. Damit wollen wir auch die Fernerstehenden ansprechen. Die Resonanz ist ermutigend.

 

Mancherlei Versuche werden unternommen, miteinander Gespräche im Hören auf die Botschaft der Bibel zu führen, z.B. durch Bibelseminare und im Rahmen der Bibelwochen. Dabei wird sowohl von biblischen Texten als auch von den Fragen heutiger Menschen ausgegangen. Es gilt allgemein, die Kenntnis der Heiligen Schrift zu fördern, die unterzugehen droht. „Singen und Musizieren in der Gemeinde", so lautete das Thema unserer Mitarbeiterrüstzeit 1990. Das Singen in unserer Gemeinde hat eine gute Tradition. Kirchenchor und Posaunenchor mit ihren ehrenamtlichen Leitern sind äußerst einsatzbereit. Zum Kirchenchor trat ein Kinderchor. Zu den Posaunen sind Flöten und Gitarren hinzugekommen. Auf die frühkindliche Musikerziehung, auch durch Orffsche Instrumente, wird Wert gelegt.

 

Wir möchten eine für alle offene Gemeinde sein. Dem dient unser mit Sorgfalt gestalteter Gemeindebrief „Die Brücke", der von ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen in alle Haushaltungen gebracht wird. Der Veröffentlichung des Evangeliums dienen auch die Gemeindefeste in Holtrup und in Uffeln, der gemeinsame Pfingstgottesdienst im Walde auf der Rosenburg und das Friedenszeugnis am Volkstrauertag. Aus dem gleichen Grunde wird ein guter Kontakt zu den Vereinen und den Schulen für wichtig gehalten. Wir möchten an unseren Orten ein wenig Licht und Salz sein und in diesem Sinne Volkskirche.

 

Einen Schwerpunkt sehen wir auch in der Förderung einer christlichen Gemeinschaft. Wir versuchen, sie zu praktizieren in den Gemeindegruppen und auf unseren Freizeiten. Dazu zählt auch der Kontakt über die Gemeindegrenzen hinweg zu den Regionen (Teilnahme an gemeinsamen Gottesdiensten und Stadtkirchentagen), zur Diakonie (Wittekindshof), zur Partnergemeinde in Berlin-Buchholz (gegenseitige Besuche), zu den Feldern der Äußeren Mission und zum Partnerkirchenkreis Tambarare in Tansania. Wichtig scheint es uns, dass wir diese Gemeinschaft im Glauben und im Gemeindealltag auch bei uns selbst, zwischen den beiden Gemeindebezirken und im Presbyterium mit gegenwärtig fünf Presbyterinnen und fünf Presbytern praktizieren.

 

Rüdiger Bremme

 

Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung dem Buch „Kirche an Weser und Werre“ (1991) entnommen.

Dieses Buch ist nicht mehr im Handel erhältlich.

 

 

 

Nachtrag:

Von 1972 bis 2007 bestand der selbstständige Pfarrbezirk der Kirchengemeinde Holtrup-Uffeln. 2007 allerdings hat sich Uffeln von der Partnerin Holtrup gelöst und ist eine selbstständige Gemeinde geworden.