"Meyra 48" - 1948

 

 

"Meyra 55" - 1952

 

 

 

 

Fortsetzung:

 

So hatte alles begonnen: Die britischen Militärs unterbanden zunächst Wilhelm Meyers Expansionsbestrebungen, der Ausbau seiner Maschinenhalle wurde immer wieder gestört. Drehbänke und Fräsmaschinen sollte Wilhelm Meyer abgeben, doch seine Kontakte zum VdK (Verband der Kriegsversehrten), die über die Rollstuhlproduktion zustande gekommen waren, ermöglichten es dem Unternehmer, seine Maschinen zu behalten. Er durfte weiterbauen! In den Köpfen von Wilhelm Meyer und seinem Konstrukteur Ernst Hoberg war der Gedanke geboren, einen Krankenfahrstuhl mit Motor zu bauen, eine Mischung zwischen einem Rollstuhl herkömmlicher Prägung und einem Automobil.

 

Erste Versuche startete man 1947. Ein gebrauchter „Hanomag-Kommißbrot", der aus dem Jahre 1929 stammte, wurde aufgekauft. Konstrukteur Hoberg stattete den gebrauchten Wagen mit einem einzelnen Vorderrad aus. Doch bei ersten Versuchsfahrten hatte Wilhelm Meyer mit dem dreirädrigen Fahrzeug einen Unfall. Folgen waren ein Totalschaden an dem Vehikel und die Erkenntnis, dass ein Heckmotor nicht die richtige Motorisierung darstellte.

 

Aus der „Schmiede" Meyer-Hoberg kam anschließend ein dreirädriges Fahrzeug, welches über einen 200- Kubikzentimeter-Motor verfügte - vom Aussehen mutete es von vorn wie ein Motorrad an, von hinten aber hatte es die Züge eines Automobils. Die Lenkung erfolgte indirekt über einen Motorradlenker die drei Pferdestärken des Fahrzeugs wurden via Kette an die Hinterräder „transportiert". Die Konsumgütermesse, in Frankfurt 1948 ausgerichtet, wurde zum Ort der Präsentation, wobei man auf eine erstaunliche Resonanz stolz sein konnte - man hatte Aufsehen erregt. Der sogenannte „Meyra 48" wurde von vielen Schwerkriegsbeschädigten geordert. Das Fahrzeug ermöglichte ihnen nach den schweren Kriegsjahren mit vielen persönlichen und gesundheitlichen Schicksalsschlägen ein unabhängigeres Leben.

Im August 1948 begann die Serienfertigung, dazu war eine größere Halle errichtet worden. In Fünfergruppen wurden die aufgebockten Chassis komplettiert, man kam an Spitzentagen auf eine Tagesproduktion von immer- hin sieben Exemplaren. Die Kriegsversehrten waren der Hauptkundenkreis, alle hatten einen Anspruch auf einen Rollstuhl. Wer aber Meyers dreirädrigen Krankenfahrstuhl ordern wollte, der musste aus dem eigenen Portemonnaie stattliche 1.000 Mark hinzugeben. Bei schlechtem Wetter war der offene Wagen aber nicht zu nutzen. Deshalb forderten viele Briefschreiber den Firmeninhaber auf, ein Verdeck zu entwickeln. Man wollte eben auch bei Schmuddelwetter die Mobilität gewährleistet haben. Im Herbst 1948 wurden die ersten Fahrzeuge mit Stoffverdeck gebaut, missfielen aber Wilhelm Meyer. Er fühlte sich von ihrer Optik an Kinderwagen erinnert. Das war das Ende der Serienproduktion des „48" mit Verdeck.

 

Im Sommer 1949 erreichte Wilhelm Meyer ein Ruf aus dem fernen Indonesien. Ein Händler bat ihn, Rikschas für ihn zu fertigen. Gesagt, getan: Ernst Hoberg machte sich ans Werk. Vollverkleidet, mit einem Motor auf dem Einzelrad vorn und einer Frontscheibe aus Zelluloid - so sah sie aus die Rikscha aus heimischer Fabrikhalle. Der Fahrer saß vorn, die Passagiere dahinter. Der Clou: Eine Frontscheibe aus Zelluloid! 30 Fahrzeuge waren ausgeliefert, da begannen die Reklamationen. „Der Schweiß des vorn sitzenden Kulis weht in die Gesichter der Fahrgäste im Fond des Fahrzeuges", so lautete der Tenor der Beschwerden.

 

Bis zum Jahre 1952 wurde der „Meyra 55" gebaut, 194 der Autos waren abgesetzt worden. Der Mittelmotor hatte sich als nicht optimal herausgestellt, denn er erschwerte den Versehrten den Ein- und Ausstieg aus dem Fahrzeug. Im September 1952 präsentierte Meyra schließlich die Weiterentwicklung des Autos - und jetzt war es ein richtiger Kleinstwagen mit allen dazugehörigen Merkmalen.

 

Sieben Pferde

Ausgestattet war der Wagen mit einer Fronthaube, die das Vorderrad verdeckte, außerdem konnten nach erfolgter Verbreiterung der Spur auch zwei Passagiere ohne weiteres nebeneinander sitzen. Ausgestattet war der Wagen mit einem Baker & Pölling-Motor, der es bei 250 Kubik auf stolze sieben Pferdestärken brachte. Damit war das kleine Fahrzeug in der Lage, in der Stunde stattliche 70 Kilometer Straße unter die Räder zu nehmen.

 

Revolutionär war die Verbundglasscheibe, bestehend aus zwei sorgsam aufeinander geklebten Einzel-Glasscheiben - sie wurden im Hause Meyra produziert- Erhältlich war das Fahrzeug je nach Kundenwunsch mit Autolenkrad oder Motorradlenkstange. 3.030 Mark kostete das Auto. Ein Lloyd, in dem vier Insassen Platz hatten, war unwesentlich teurer.

 

Ernst Hoberg war in seinem Ideenreichtum noch nicht gebremst. Im Frühjahr des Jahres 1953 bastelte er an einem offenen, zweisitzigen Fahrzeug mit zwei Vorderrädern und einem Hinterrad. Die Karosserie war pontonförmig. Bei Testfahrten wurde eine zu starke Kippneigung festgestellt. Folge: es wurde ein vierrädriges Cabriolet entwickelt. Zwei innen liegende Scheinwerfer, 15-Zollräder und ein Motor von einem Viertelliter Hubraum - so die Ausstattung. Dies sollte der Einstieg in die Autoindustrie sein, da die Lieferzeiten der Autobauer gerade besonders lang waren. Wegen einer von der Firma Karmann als zu teuer bewerteten Serienfertigung der Karosserie musste wieder neu getüftelt werden. Es entstand der Gedanke, Seitenkotflügel und Fronthaube aus einem Blech „zu schneidern", die Frontschnauze wurde angeschweißt. Das aufwendig herzustellende, weil sehr stark abgeschrägte Heck blieb der Problemfall. Das Schrägheck wurde „verworfen", es blieb ein kleines Cabriolet mit pummeligem Äußeren - in Serie aber gelangte es nicht.

 

Grund dafür war, dass Wilhelm Meyer von der Fronttür-Idee, die aus dem Hause Iso-Isetta stammte, vollauf begeistert war. Als „genau richtig für Versehrte" schätzte er es ein. Ein Stahlrohrrahmen-Chassis, ein auf dem hinteren Rad gelagerter Motor mit 197 Kubik, ausgestattet mit Elektroanlasser - das war die nächste Stufe. Und natürlich gab es einen Fronteinstieg. Als Novum kam ein Rückwärtsgang hinzu. Die Karosserie bestand aus kunstleder-überzogenem Sperrholz. Rund 5.000 Testkilometer brachten die

 

"Meyra 200" - 1954

drei Prototypen hinter sich, sogar bis nach München. Der „Meyra 200", bestechend durch seine Geräumigkeit, kostete 2.200 Mark. Das Debüt fiel hinter die Zeit der Automobilmessen. Die Konkurrenz durch „Messerschmidt-Kabinenroller", den „Kleinschnittger 125" und der „Lloyd 400" setzte sich jedoch besser durch. Nur 50 Fahrzeuge wurden verkauft.

Wenn Wilhelm Meyer nur: Autos hergestellt hätte, wäre er in diesen Jahren wohl unweigerlich in eine Firmenpleite geschlittert. Krankenfahr-Stühle blieben die Geschäftsbasis. Und er hatte weitere Ideen, um seine Autos zu verbessern.

 

Offene Münder

Nachdem er von Kunststoffkarosserien (wurden in den USA für die Corvette von Chevrolet verwendet) gehört hatte, wandte er sich an die Firma BASF. Zutaten für Kunststoff nahm er von dort mit und experimentierte selbst. Erstmal wurden gerade Platten hergestellt, sobald das klappte, baute man die Türen aus Kunststoff - für den „Meyra 200".

 

Im Juli des Jahres 1954 fuhr Wilhelm Meyer mit der Tür gen Ludwigshafen - offene Münder staunten ihn dort an. Im Februar 1955 entstanden drei neue Prototypen mit einer Hülle aus Kunststoff. Bei einer Testfahrt kam es zu einem

Unfall. Der als Testfahrer eingesetzte Schwiegervater blieb unverletzt, in der Karosserie zeigten sich aber Risse. Wilhelm Meyer führte dann sogar „Crashtests" durch, fuhr mit 30kmh gegen eine Mauer.

 

Bei der Deutschen Industriemesse im Jahre 1955 in Hannover wurde der „Meyra 200-2" zu einem viel bestaunten Objekt. Selbst Bundespräsident „Papa" Theodor Heuss bestaunte den Kleinwagen. Doch die Konkurrenz durch die behindertengerecht ausgestattete Isetta war zu groß, nach der IAA 1955 beschloss er, die Produktion der Autos einzustellen. 500 Bestellungen lagen noch vor, jedes Auto hätte ihm 200 Mark Verlust gebracht. Meyer hoffte, die Bestellungen zurücknehmen zu können, verlor jedoch einen Musterprozess und musste alle Bestellungen auch liefern. Die letzten Wagen bekamen einen 350-Kubik-Motor, hatten 14 PS. Mitte 1956 waren die Restposten gebaut, die Produktion des Kleinwagenbaus wurde dann eingestellt.