Der letzte Vlothoer Kalkofen, betrieben von Fritz Kahre an der Herforder Straße.

Gut sichtbar der abgebaute Berg.

Im Vordergrund die Kunstblumenfabrik Lüttgau, an der Herforder Straße. Foto: 1957

 

 

 

Kalköfen in Vlotho

 

Die Erdformationen des Lipperlandes und des Weserberglandes um Vlotho bestehen vorwiegend aus Keuper-Gestein (sandiger Ton). Es kommt in einer Tiefe von 130 bis 480 Metern vor. In Schichten darunter ist Muschelkalk gelagert. Er tritt nur an wenigen Stellen hervor. Jeweils dort, wo er infolge einer „Auffaltung“ an die Oberfläche gepresst wurde. Diese Feststellungen entsprechen altbekannten Erkenntnissen der Geologen. Eine derartige „aufgefaltete“ Stelle befindet sich in Vlotho am Hang des Paterberges.

 

Dort wurde ab 1801 der Muschelkalk, der nicht zu Unrecht auch als Mergel bezeichnet wurde, in einem Bruch abgebaut. Das gewonnene, mergelartige Gestein wurde gleich an Ort und Stelle in zwei Öfen, den so genannten Kalköfen, die an der Herforder Straße gegenüber der katholischen Kirche angelegt worden waren, gebrannt. So ein Kalkofen (siehe linkes Foto) war ein aus Bruchsteinen errichteter Rundbau. Er wies einen Durchmesser von etwa sieben Metern auf. Der Abdeckung diente ein quadratisch geformtes Dach aus Hohlziegeln. Von der Bergseite aus wurde der kalkhaltige Mergel oder auch Kalkstein mittels Loren [Feldbahnwagen] über eine hölzerne Brücke herangeschafft und in das Kalkofen-Rundell gekippt. Zwischendurch wurde immer wieder Kohle hinzugeschaufelt. Die auf das Kalkgestein einwirkende Glut setzte chemische Stoffe frei. Dadurch  entstanden knackende und knisternde Geräusche, die besonders nachts geheimnisvoll anmuteten. Während des Rumorens im Kalkofen entwickelte sich hellblauer Qualm. Er gelangte indes ungehemmt ins Freie, denn zwischen einem hölzernen Aufsatz auf dem Bruchstein-Rundell und dem darüber gestülpten Dach waren genügend Öffnungen vorhanden.

 

 

 

 

Einer der beiden im Jahre 1801 angelegten Kalköfen.

Rechts, der 1946 neu erbaute Kalkofen.

 

Der Vorgang des Brennens war unterschiedlich. Das hing davon ab, ob der gebrannte Kalkstein bzw. Muschelkalk für Bauzwecke oder als Düngemittel verwendet werden sollte.

Der für Bauzwecke bestimmte Kalk musste vorher noch von dem am Bau Beschäftigten „gelöscht" werden, um ihn weich und geschmeidig zu machen. Zu diesem Zweck wurde er ursprünglich tagelang „eingesumpft“. Das ging so vor sich, dass ein bedarfgerechtes Erdloch ausgehoben, mit gebranntem Kalk und mit einem „Wasserüberschuss“ gefüllt wurde.

 

In Spitzenzeiten, wie beispielsweise im Jahre 1888, betrug die Zahl der für die Kalkbrennerei Beschäftigten immerhin 16 Arbeiter. Bei einer Arbeitszeit von täglich zwölf Stunden ergab das einen wöchentlichen Lohn von elf Mark. Er entsprach umgerechnet einem Gegenwert von 22 „großen Graubroten". 145 Jahre lang wurden beide Kalköfen betrieben. Die Eigentümer wechselten auffallend häufig. Im Jahre 1801 ließ der Kaufmann Mühlenfeld, der auch eine Öl- und Graupenmühle besaß, am Fuße des Paterberges die beschriebenen Kalköfen errichten. Nach einem unabwendbaren Konkurs erwarb der Kaufmann Hildebrand 1842 die Kalköfen. Bald darauf starb er. Seine Frau hielt zunächst den Kalkofen-Betrieb aufrecht, bis sie im Jahre 1865 gezwungen war, ebenfalls Konkurs anzumelden.

 

Die Kalköfen wurden dann von dem in Hannover wohnenden Gutsbesitzer Adickes, dem Vlothoer Kaufmann Hoening und dem in Vlotho praktizierenden Arzt Dr. Voß übernommen. Ihre Nachfolgeschaft traten der Kaufmann und Papierfabrikant Heinrich Süllwald und dessen Sohn Carl an. Letzter Eigentümer der Kalköfen war schließlich nach dem II. Weltkrieg der Elektroingenieur Fritz Kahre aus Wehrendorf. Er legte 1945 den unteren Kalkofen (von der Innenstadt aus gesehen) still. 1958 gab er auch den anderen Kalkofen auf, obwohl er 1946 noch veranlasst hatte, ihn durch einen aufwendigen, technisch modern ausgestatteten Neubau (siehe rechtes Foto) zu ersetzen. Der unaufhaltsame Fortschritt hatte halt seinen unternehmerischen Ehrgeiz überholt. Auf den Grundstücken, die seinerzeit der Kalkbrennerei Raum gaben, ließ Kahre das Wohnhaus Herforder Straße Nr. 33 und die Tankstelle Herforder Straße Nr. 37 erbauen.

 

Das rechte Foto zeigt den Kalkofen an der Herforder Straße nach der Schließung. Foto 1960. Der Kalkofen wurde im Mai 1970 abgerissen.

 

 

 

 

Der Baumbestand hat sich erholt. Foto: April 2009