Fortsetzung:

 

Herm Westhoff

 

Woher den „Schluck" nehmen und nicht stehlen? Herm Westhoffs Kumpane hatten ihn schnell von dem „Katzenjammer" befreit. Ganz einfach dadurch, dass sie ihn auf den Gedanken brachten: „Inn'er Afteiken (Apotheke) no'ner Flasche Cognac tou frogen". Herm ließ sich freudestrahlend den Rat nicht zweimal geben. Apotheker Adolf Walter (er hatte soeben im Jahre 1893 die Apotheke von seinem Vorgänger Dr. Anton Steiner  übernommen) gab sie ihm bereitwillig und kassierte dankbar schmunzelnd den Gegenwert von zwei Reichsmark und 50 Pfennig. So buz krackselte Herm den Apothekerweg hinauf, schlug sich in die Büsche und frönte - gluck, gluck! - seiner nimmermüden Leidenschaft.

 

.

Amtmann Müller

von 1855 - 1894

Auf dem Heimweg lief er ausgerechnet, so dicke wie er war, dem Flurschützen und Ortspolizisten Fritz Klinksiek ,,in die Arme". Der sperrte ihn erst mal zur Ernüchterung in der Polizeizelle im Rathaus ein. Am anderen Tag sollte Herm Westhoff vor Amtmann Müller bekennen, woher er den Alkohol hatte Aber Herm hütete sich und schwieg. Als ginge ihn die Frage nichts an. „Klinksiek, der Polizeiassistent Schröder und der Landjäger Cramer in Exter", reagierte der Amtmann, „haben den Westhoff laufend zu beobachten und vor allem zu ermitteln, in welcher Kneipe er den Schnaps erhält". Darauf erzeugte Herm lautes Lachen bei seinen Kumpanen mit der

Bemerkung: „Eck hebbe nich dacht, dat et noch dümmere Minsken oß mich givt!"

 

Der Rat, dass man in der Apotheke Schnaps bekommen könnte, war für Herm (je länger, desto lieber) wiederholenswert: „Eine Flasche vo Herm Westhoff!" Walter schrieb den jeweils mehr als einmal anfallenden Betrag an im „Großen Buch": „Eine Flasche Cognac für Herm Westhoff". Die „Machart" änderte sich aber nach einigen Tagen. Herm fragte nämlich neuerdings: ,,Hebbet'se keinen Cognac, wo mehr Sprit inne es?" Walter wies bestätigend daraufhin, dass es da noch den mit den „Drei Sternen" für drei Reichsmark und 25 Pfennig je Flasche gäbe. „Dann daun Soi moi davon drei Pullen vo Herm Westhoff". Herm hatte nun Schnaps in Hülle und Fülle. Er war mehr denn je „unter Wasser". Die beauftragten Amtspersonen waren immer hinter ihm her. Es entging ihnen zwar kaum, dass er die Apotheke aufsuchte. Sie ahnten allerdings nicht, dass er dort den Fusel abholte. Wie sollten sie auch...!? Apotheker Walter wollte schließlich mal Geld sehen. Er schrieb deshalb folgende Rechnung aus: „Zwölf Flaschen Cognac, davon drei mit „Drei Sternen", für Herm Westhoff, hier, Lange Straße". Herm Westhoff betrieb im Hause Lange Straße 148, das seinerzeit der Sanierung im Stadtbereich zum Opfer fiel, eine Zigarrenfabrik (später Güse, Hartwig und S.H. Klinksick). Fabrikant Westhoff wies die Rechnung mit einem belustigenden, aber dennoch beleidigenden Unterton zurück.

 

Apotheker Walter war sauer. Verständlicherweise. Aber schließlich sagte er sich, dass der Westhoff wieder bei ihm auftauchen würde. So war es denn auch. Herm Westhoff stand wieder vor der Theke in der Apotheke und machte eine Bestellung „vo Herm Westhoff". Der Apotheker stauchte ihn mit bissigen Worten zusammen. Er ließ den Polizisten Klinksiek holen, der nur einen Steinwurf weit im gegenüberliegenden Rathaus erreichbar war. Eine Frage des Polizisten an Westhoff konnte wohl  kaum  anders  lauten:  „Für wen haben Sie den Cognac geholt?“ Antwort: „Vo Herm Westhoff". Der Gesetzeshüter machte eine lange Pause. Er wies Walter dann nachdrücklich (es hörte sich sogar vorwurfsvoll an) darauf hin, dass er sich glattweg verhört hatte. Herm Westhoff hätte immer nur den Schluck für sich gefordert und nicht für Herm Westhoff. Es wäre zudem verständlich, wenn die Bezahlung des Cognacs schon eher verlangt worden wäre.

 

Herm Westhoff war nun aber doch geknickt. Nicht weil er zu befürchten gehabt hätte, „dass sie ihm noch was tun könnten". Vielmehr deshalb, weil nunmehr auch die letzte Quelle versiegt war, die so wacker alkoholisch sprudelte. Seine Kumpane hatten ein gewisses Mitleid mit ihm und ließen ihn mal ,,an ihrem Buddel lecken". Gemächlich beantwortete er die Herausforderung, auf der „Säuferliste" zu stehen, lächelnd mit den Worten: „Eck sto hoben und de Amtmann un'n unner!" 

So war es damals… 1893