Vlotho

Die Weserpforte des Widukindkreises

Von Landrat Erich Hartmann, Herford 1941

 

Wie bereits Leopold von Ledebur in seiner „Diplomatischen Geschichte der Stadt und Herrschaft Vlotho", gedruckt im Jahre 1829, sehr richtig bemerkt, reicht die Entstehung von Vlotho, wie dies bei den meisten Arten des Minden-Ravensberger Landes der Fall ist, weit über unsere geschichtlichen Nachforschungen hinaus.

 

Ohne Zweifel haben hier in diesem Lande schon in vorgeschichtlicher Zeit Menschen gewohnt, wie dies durch die überaus reichen Funde aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit bewiesen wird, die sich im vorgeschichtlichen Museum zu Münster und in anderen verschiedenen bedeutenden Museen befinden; auch unsere beiden kleinen Museen in Bünde und Vlotho erbringen hierfür einige Beweise. Dass die Gegend schon recht früh ein Kulturland war, bezeugen weiter die vielen noch vorhandenen germanischen und sächsischen Wallburgen, die man auch als sogenannte „Fliehburgen" bezeichnet. Diese Burgen waren Volksburgen, von Erdwällen, die durch Astgeflecht und Holzwerk gestützt waren, umgeben. Derartige germanische Volksburgen, hier zu Lande auch „Hünenringe" genannt, gibt es im Wiehengebirge, im Weserbergland und im Teutoburger Wald, dem frühgeschichtlichen Osning, eine ganze Reihe; auch im Gebiet zwischen diesen Gebirgszügen befindet sich eine Anzahl davon. Erwähnenswert sind vor allen Dingen im Wiehengebirge die Babylonie bei Pr.-Oldendorf, die Wittekindsburg an der Porta und die Dehmerburg zwischen Bad Oeynhausen und Porta. Im Weserbergland ist es vor allen Dingen die Volksburg auf den Nammer Klippen, die besonders groß und stattlich ist. Im Teutoburger Wald finden wir dann am Hermannsdenkmal die Grotenburg, dann eine Volksburg bei Oerlinghausen und den Hünenring am Dreikaiserturm bei Bielefeld. Auch dicht neben dem Amtshausberg in Vlotho, oberhalb vom Stahlbad Rahlbruch, befindet sich eine zum Teil noch erkennbare Hünenburg, die Bergkuppe heißt noch heute so.

 

Wie geschichtlich bekannt ist, dürfte sich die Schlacht im Teutoburger Walde 9 nach der Zeitenwende, die Hermann der Cherusker gegen die Römer unter ihrem Feldherrn Varus geschlagen hat, in der Gegend zwischen Weser und Teutoburger Wald, zum Teil wohl auch nördlich davon nach Melle und Osnabrück zu, abgespielt haben. Später, im Jahre 16 nach der Zeitenwende, versuchten die Römer, die erlittene Niederlage wieder wettzumachen; ihr Feldherr Germanicus brach wieder in das Land ein, es kam zur Schlacht auf dem Idistavisischen Felde, über die der römische Geschichtsschreiber Tacitus einen ausführlichen Bericht in seinen Annalen gibt. Wie Leopold von Ledebur in seinem vorerwähnten Werke feststellt, ergibt sich aus der Erzählung des Römers Tacitus, dass die Schlacht 16 nach der Zeitenwende im Lande der Cherusker stattfand. Weiter sagt er, dass sie an der Weser stattgefunden hat, und drittens erwähnt er, dass sie am rechten Stromufer der Weser stattfand, da die Römer

 

Der Bericht auf dieser Seite wurde dem Ravenberger Heimatkalender Ausgabe 1941 entnommen.

durch die Weser von dem germanischen Heere getrennt waren und erst über die Weser sehen mussten, um die Germanen unter Hermann (Armin) anzugreifen. Tacitus sagt weiter, die Schlacht habe dort stattgefunden, wo noch Gebirge die Ufer des Weserstroms begleiten und beengen, folglich südlich von der Porta Westfalica. Alles das, was Tacitus schreibt, sagt Ledebur, deutet auf die fast unumstößliche Gewissheit hin, dass diese Schlacht von Idistaviso 6 nach der Zeitenwende am rechten Weserufer zwischen Rinteln und Hausberge stattgefunden hat. Tacitus sagt in der Beschreibung der Schlacht an einer Stelle: „Wo der Strom am reißendsten war, da brach Cariovald mit seiner batavischen Reiterei hervor." (Die Bataver waren germanische Hilfstruppen der Römer.) Also ist daraus zu schließen, dass diese berittenen Hilfstruppen der Römer an einer Stelle über die Weser gingen, die als Furt benutzt werden konnte. Dies konnte nur die Weser bei Vlotho sein, denn die Weserstelle bei Vlotho ist als Furt seit Jahrhunderten bekannt und von den Schiffern als reißende Stelle gefürchtet gewesen. Die Stelle hieß im Volksmund „Gosse". Diese Schlacht bei Idistaviso, die vermutlich also in der weiteren Umgebung von Vlotho weserauf und weserab stattgefunden hat und die die Römer als angeblichen Sieg feierten, war, wie wir geschichtlich heute wissen, ein Verteidigungssieg Hermanns des Cheruskers, der zur Folge hatte, dass die Römer dieses germanische Land für immer verließen und nie wieder zurückkehrten.

Etwa um 800 nach der Zeitenwende war dieses Land wiederum Schlachtfeld   gegen eindringende Eroberer. Zu der Zeit saßen an Stelle der germanischen Cherusker hier die niederdeutschen Sachsen und Engern, die unter ihrem Herzog Widukind den Erobererheeren Kaiser Karls des Franken Widerstand boten. Auffällig ist sowohl bei den römischen als auch bei den fränkischen Kriegszügen, dass sie alle in dieses Gebiet und an die Weser gegangen sind. Diese Tatsache muss einen besonderen Grund gehabt haben. Einsichtige Geschichtsforscher stehen auf dem Standpunkt, dass zwischen Teutoburger Wald und Wesergebirge das Hauptwiderstandszentrum der Germanen und Sachsen gewesen ist, wo sich auch ihre religiösen Kultstätten befunden haben, also gewissermaßen der religiöse, kulturelle und politische Mittelpunkt eines weiten germanisch-sächsischen Gebietes. Dass sich hier germanische Heiligtümer befunden haben, ist wohl heute einwandfrei festgestellt durch die Erforschung der Externsteine bei Detmold. Einige Heimatforscher vermuten, dass die Externsteine aber nur ein Teilheiligtum sind, und dass der Mittelpunkt des Gebietes mehr in der Nähe bei Vlotho liegt. Die Forschungen in dieser Hinsicht sind aber noch nicht so weit fortgeschritten, dass man bereits etwas Feststehendes sagen könnte. Ein Heimatforscher meint, dass sich auf dem Berg Bonstapel in der Gemeinde Valdorf früher zur Sachsenzeit einmal eine Irminsul befunden habe und ein anderer Forscher vermutet in diesem Berg Bonstapel den großen Thingplatz der Sachsen, der den Namen Marklo trug. Tatsache ist, dass der Berg eine eigenartige Form aufweist und durch drei kreisrunde Buchengruppen geschmückt ist, deren Wurzelwerk sehr alt sein muss. Eine vierte Gruppe, die früher einmal vorhanden war, ist inzwischen niedergeschlagen worden. Auf der Rückseite des Berges ins Lippische zu lassen sich heute noch terrassenförmige Abstufungen erkennen. Weiter ist feststehend, dass unter seiner Kuppe ein alter Hellweg vorbeiführt, also ein Verkehrsweg aus uralter Zeit.

 

Als nach Unterwerfung des Landes durch die Franken unter Kaiser Karl das Christentum sich ausbreitete, wurden Klöster und Kirchen gegründet. Es ist heute bewiesen, dass bei der Christianisierung die Mönche und die kirchliche Obrigkeit mit Vorliebe Kirchen und Klöster, überhaupt christliche Geistesstätten, an Stellen setzten, wo früher germanische Kultstätten gewesen waren, um auf diese Weise die zu Christen bekehrten Sachsen besser an die Kirchen zu gewöhnen. So finden wir mitten in der Wittekindsburg in der Nähe der Porta, die eine sächsische Fliehburg war, direkt neben der Wittekindsquelle eine kleine alte romanische Kapelle aus der Zeit um 600 nach der Zeitenwende. Inzwischen ist auch bei den Externsteinen festgestellt, dass diese früher ein germanisches Heiligtum waren und in der fränkischen Zeit zu einer christlichen Glaubensstätte umgewandelt worden sind. Im Amt Vlotho, und zwar in der Gemeinde Wehrendorf, sind bei der dortigen Kirche die Grundmauern einer alten Klosterkirche festgestellt worden. Aus der geschichtlichen Überlieferung geht hervor, dass es sich hier um ein Kloster eines der vornehmsten geistlichen Ritterorden jener Zeit gehandelt hat, der sonst in Südeuropa seinen Sitz hatte und im Norden Deutschlands fast kaum Niederlassungen besaß, nur ausgerechnet die Niederlassung in dem kleinen Wehrendorf in der Nähe vom Bonstapel in der Gemeinde Valdorf. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass diese Gegend, religiös-politisch gesehen, von besonderer Bedeutung gewesen ist. Wenn man weiter bedenkt, dass das ganze Minden-Ravensberger Land während der Christianisierung durch die Franken mit einem Ring von Bischofssitzen umgeben wurde, und zwar Osnabrück, Paderborn, Hildesheim (der Bischofssitz befand sich früher noch näher an diesem Gebiete, in Elze in Hannover) und Minden, so dürfte damit wohl unzweifelhaft festgestellt sein, dass auch schon, wie in germanischer Zeit, so jetzt in fränkischer Zeit, dieses Gebiet ebenfalls als der religiös-geistige und auch politische Mittelpunkt des Landes angesehen wurde.

 

Urkundlich wird Vlotho zuerst im 12. Jahrhundert genannt. Doch ist bekannt, dass schon vor der urkundlichen Erwähnung in der Gegend ein Geschlecht derer von Vlotho, die zu dem freien Herren- oder Dynastenstande gehörten, erwähnt wird. Urkundlich wird der Name in einer Urkunde ohne Datum genannt, die von dem Bischof Anno von Minden stammt, der in den Jahren 1173-1185 in Minden residierte. Der damalige Edle von Vlotho hieß Gottfried. Ums Jahr 1198 wird ein Arnold von Vlotho erwähnt; auch 1211 wird derselbe noch einmal in einer Urkunde erwähnt. Mit diesem Arnold von Vlotho scheint das Geschlecht ausgestorben zu sein. Im Jahre 1214 wird Vlotho von den Grafen von Ravensberg erworben und geht dann im Jahre 1244 auf die Grafen von Tecklenburg über. Seit dieser Zeit ist Vlotho dann sehr oft verpfändet, geteilt und verkauft worden. So waren beispielsweise die Grafen von Oldenburg und von Bentheim Besitzer Vlothos. Auch die Edelvögte von dem Berge waren gemeinsam mit den Ravensbergern einmal Besitzer der Burg. 1290 verkauften die Edelvögte von dem Berge ihre Hälfte der Burg Vlotho an Kur-Köln. Der Erzbischof von Köln vergab seinen Anteil an der Burg verschiedenen Rittern, so an Otto von Eberstein, der seine Hälfte aber dem Besitzer der anderen Hälfte der Burg übereignete, d. h. die Ravensberger Grafen wurden wieder alleinige Besitzer. Später gelangte Vlotho an die Herzöge von Braunschweig, die Vlotho 1348 an die Grafen von Waldeck verpfändeten. Diese verkauften das ganze dann 1363 an die Grafen von Jülich und Berg. Dann wurde Vlotho wieder verpfändet an eine Familie Wendt, unter deren Herrschaft die Bürger von Minden im Jahre 1368 in der Mindener Fehde Vlotho erstürmten und verbrannten. So wechselten dann die Inhaber von Vlotho manchmal sogar von Jahr zu Jahr, bis endlich 1529 die Waldeckschen Teilbesitzrechte völlig abgefunden wurden und der Herzog von Cleve, der Erbe des Herzogtums Jülich, Vlotho seiner Grafschaft Ravensberg ganz einverleiben konnte. 1609 kam dann Vlotho an das Haus der Markgrafen von Brandenburg, dessen Kurfürst damals Johann Sigismund war. Seit dem Aussterben des Geschlechts der Herren von Vlotho hat wohl kaum einer der späteren Besitzer jemals auf der Burg Vlotho gelebt. Nur die Verwaltungsbeamten des jeweiligen Besitzers, die Drosten und Burgmänner, hatten ihren Wohnsitz auf der Bergfeste, die durch diesen Amtssitz der Drosten den Namen Amtshausberg erhielt, in Wirklichkeit heißt der Berg „Oberg", ein Vorberg der Ebenöde.

Es ist noch zu erwähnen, dass im Dreißigjährigen Kriege am 7. Oktober 1638 oberhalb Vlotho auf den Beerenkämpen bei Valdorf eine Schlacht stattfand, in der die verbündeten Schweden und Protestanten von den Kaiserlichen unter Führung des Grafen Hatzfeld geschlagen wurden. Dabei wurde der Kurprinz Ruprecht, der Sohn des sogenannten Winterkönigs Friedrich von der Pfalz, gefangengenommen und der hessische Landgraf Karl Ludwig musste über die Weser nach Minden fliehen. Die Niederlage der Schweden und Protestanten scheint aber nicht sehr groß gewesen zu sein, denn der schwedische Feldherr hatte zwei Tage später den größten Teil seiner Truppen wieder zusammen. Kanonenkugeln und Waffen aus jener Schlacht sind gefunden und teilweise auch im Museum in Vlotho zu sehen.

Nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges gerieten die inzwischen in den Besitz von Vlotho gekommenen Brandenburger in einen Krieg mit Frankreich und dem streitbaren Bischof von Münster, Bernhard von Galen, der mit den Franzosen verbündet war. Die Münsterschen fielen in Minden-Ravensberg ein und belagerten 1673 von der Ebenöde aus die Burg, mussten aber schließlich, da sie die Burg nicht bezwingen konnten, unverrichteter Sache wieder abziehen. Schlimmer erging es Vlotho 6 Jahre später, im Jahre 1679, als französische Truppen in das Gebiet einfielen. Vlotho wurde erobert und die Burg geplündert. Der Wohnsitz der Amtmänner, der Drosten, musste damals wegen Unbewohnbarkeit der Burg nach dem fiskalischen Gute „Deesberg" verlegt werden.

Trotzdem Vlotho schon ziemlich früh Stadtgerechtsame erhalten hatte, etwa um 1200, die es bis 1450 behielt, war es doch besonders im Dreißigjährigen Kriege so niedergegangen, dass nur noch ein gemeindlicher Flecken ohne städtische Gerechtsame übrigblieb. Erst 1650 erhielt es wieder neue Freiheiten und erst 1719 wieder volle städtische Gerechtsame.

Ich darf darauf hinweisen, dass die Reste der Burg auf dem Amtshausberg nicht die Reste der alten ersten ursprünglichen Burg sind. Die älteste Burg Vlotho befand sich unten im Tal. Diese alte Burg im Tal wurde bereits im Jahre 1258 zu einem Zisterzienser-Nonnenkloster umgewandelt und diese Klosterstiftung wurde „Segenstal" genannt. Aus dieser Zeit muss wohl auch die neuere Burg oben auf dem Berge stammen. Das Kloster „Segenstal" wurde dann im Jahre 1440 in eine Niederlassung der Benediktinermönche umgewandelt, die jedoch im Jahre 1560 der Reformation weichen musste.

In der neueren Zeit ist Vlotho geschichtlich kaum mehr hervorgetreten. Nur einmal wurde es noch genannt, als König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen Stadt und Burg zu der Zeit seiner Regierung im 19. Jahrhundert besuchte. Eine schmucklose und unscheinbare Gedenktafel an dem Rest eines alten Mauerturms, von wo aus man einen wunderschönen Blick zur Porta Westfalica hat, erinnert daran, dass dieser König von Preußen wahrscheinlich einmal den Gedanken erwogen hat, die Burg Vlotho in gewissem Umfange wieder herstellen zu lassen.

Über die Baugeschichte der Burg Vlotho ist überhaupt nichts bekannt. Während von den drei anderen Ravensberger Landesburgen in den Archiven immerhin noch einige Unterlagen über ihre frühere bauliche Gestaltung und ihre Baugeschichte vorhanden sind, ist es bisher noch nicht gelungen, über Vlotho irgendwelche genauen Unterlagen aufzufinden. In einem Bericht einer Kommission der Königlichen Kriegs- und Domänenkammer zu Minden über den baulichen Zustand der Burg aus dem Jahre 1708 wird erwähnt, dass die Gebäude und das übrige Mauerwerk morsch seien, so dass der nächste Sturm sie umwerfen könnte, und es wurde am Schlusse des Berichtes der Regierung vorgeschlagen, den größten Teil der Anlage abzubrechen und das Material zu verwerten. Dieser Bericht hatte den gewünschten Erfolg. Die Regierung ordnete den Abbruch der Burg bis auf wenige noch besser erhaltene Gebäudeteile an;   dieses geschah durch öffentliche Abbruchsausschreibung. Im Frühjahr 1709   fand dann auf der Burg die Versteigerung statt, die sage und schreibe etwa 380 Taler Erlös für den Staat erbrachte. Offenbar haben dann die einzelnen Unternehmer aus den ersteigerten Losen, wie es ihnen gefiel, das brauchbare Material herausgebrochen und verwertet. Die preußische Sparsamkeit jener Zeit hat zweifellos mit dazu beigetragen, die Burganlage bis auf ihre Grundmauern zu zerstören. Dass der Bericht der Kommission der Kriegs- und Domänenkammer bezüglich des baulichen Auslandes des Mauerwerkes sehr gefärbt gewesen sein muss, geht daraus hervor, dass bei den seit 1936 eingeleiteten Wiederherstellungsarbeiten festgestellt worden ist, dass das alte Mauerwerk von einer unvergleichlichen Güte und Festigkeit ist. Offenbar wollte die Kriegs- und Domänenkammer die alte Burg- und Festungsanlage, deren kriegstechnischer Wert nach 1700 gleich Null war, nicht mehr unterhalten und die Unterhaltungsgelder einsparen und glaubte, aus diesem Grunde den Abbruch vorschlagen zu müssen.

Leider konnte auch bis heute aus keiner Zeit seit Erbauung der Burg Vlotho irgendein Bild gefunden werden, das die äußeren Formen der Burg erkennen ließe. Die einzigen Bilder, die vorhanden sind, sind Stiche, deren ältester wohl aus dem Jahre 1790 stammt, also zu einer Zeit, da die Burg bereits zum größeren Teil abgebrochen war. Außerdem zeigen diese vorhandenen Bilder nur immer eine Gesamtansicht von Stadt und Burg, wobei die Burg auf  den Bildern sehr klein erscheint. Einzelheiten von der Burg sind nicht zu erkennen. Dahingegen gibt es beispielsweise von der alten Burg in Hausberge an der Porta einen Stich von Merian, etwa aus dem Jahre 1650,  auf dem jede Einzelheit zu erkennen ist.   Nach der Versteigerung von 1709 blieben nur noch einige wenige Gebäudeteile erhalten, so ein kleineres Gebäude mit einem Wohnrecht für eine frühere Drostenfamilie. Auch einige Kellergewölbe waren noch vorhanden, in denen zeitweise das Amtsgefängnis eingerichtet wurde. Eine Zeitlang war in der Burganlage auch ein kleiner bäuerlicher Pachtbetrieb untergebracht. Wohl nach     1800 wurde dann im Ostteil der Burg nach der Weser zu ein Fachwerkbau errichtet, der Wohnung und Bürohaus der Amtmänner von Vlotho war. Von diesem sehr späten Gebäude haben die Burg und die Bergkuppe auch den Namen Amtshausberg erhalten. Dieses Gebäude ist aber auch schon längst wieder abgebrochen, nur seine Grundmauern wurden bei unseren Grabungen noch festgestellt. Nach Abbruch des Amtshauses und Erwerb des ganzen Grundstücks durch die Stadt Vlotho wurde lediglich noch in einem kleinen Schuppen eine Sonntagswirtschaft unterhalten, die später zu einer Tagesgaststätte in dem noch jetzt vorhandenen Gebäude am Nordtor erweitert worden ist. Im Jahre 1903 wurde dann im Südostteil der Burg ein Bismarckturm errichtet, bei dessen Bau die vorhandenen Grundmauern der alten Kapelle zum Teil beschädigt wurden.

Am 8. September 1936 kaufte der Kreiskommunalverband Herford das Burggelände von der Stadt Vlotho. Bei der Übernahme durch den Kreis waren die Reste der Burg in einem derartigen Zustande, dass die Gefahr eines völligen und restlosen Verfalls in allernächste Nähe gerückt war. Über den Grundmauern, soweit sie nicht zerfallen waren, wölbten sich die Schuttmassen von zwei Jahrhunderten, Schuttmassen, die zum Teil eine Stärke von 4 Meter aufwiesen, so dass Grundmauern, eingestürzte Gewölbe, zugeschüttete Brunnen, Turmreste usw. überhaupt nicht mehr zu erkennen waren. Durch Samung und Pflanzung war das ganze Burggelände darüber hinaus zu einem Garten- bzw. Waldgrundstück geworden. Zwischen den Bäumen standen Selterwasserbuden, ein Musikpavillon, Grotten aus Horststeinen, Zinnenkränze, Gaslaternen und andere Unschönheiten mehr. Einige wenige Bilder aus jener Zeit, die beigefügt sind, mögen den Zustand veranschaulichen.

Der Landkreis Herford hielt es für seine Pflicht, die kulturellen Bestrebungen im nationalsozialistischen Deutschland dadurch zu unterstützen, dass er einen geschichtlich bedeutsamen und landschaftlich schönsten Punkt des Kreises der Vergessenheit entriss und durch Neugestaltung den Aufbauwillen im nationalsozialistischen Staat zum Ausdruck brachte. Darüber hinaus waren die Arbeiten auf Burg Vlotho auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gedacht und es gelang auch, eine ganze Anzahl von Arbeitskräften, die bis 1936 im Wirtschaftsleben noch nicht wieder hatten untergebracht werden können, zu übernehmen und in Arbeit und Brot zu bringen. Außer dem eigentlichen Burggrundstück und der Vorburg, die ebenfalls von der Stadt Vlotho erworben wurde, sah sich der Kreis genötigt, weitere Grundstücke, besonders am Ost- und Südhange des Burgberges zu erwerben, um auf die Landschaftsgestaltung außerhalb der Burgmauern Einfluss zu gewinnen. Hierdurch wurde es möglich, nach der Weser und der Stadt zu durch geschickte Durchforstung das Blickfeld freizumachen. Die Aufräumungsarbeiten im Burggelände selbst begannen schon Ende Juli 1936 durch Schuttabtragung am Pallas. Im Verlaufe von nunmehr vier Jahren ist die gesamte Burganlage einschließlich der Vorburg von den wesentlichsten Schuttmassen befreit worden. Auch mit dem Aushub der alten Gräben wurde begonnen und zum Teil auf der Südseite diese fertig gestellt. Neben der Entfernung des Schuttes wurden alle baulichen Unschönheiten und Zutaten einer späteren Zeit innerhalb des Burggeländes beseitigt. Aborte, Pferdeställe, Museumsbaracke, Musikpavillon, Gartenhäuschen, Selterwasserbuden, Grotten und Bismarckturm wurden entfernt.

Durch die Grabungen wurden die Grundmauern der alten Burganlage in ihren wesentlichen Teilen festgestellt, vermessen und durch einen Plan erfasst. Die Grabungen haben wesentliche Erkenntnisse über die bauliche Struktur der alten Burg vermittelt. Der Rest des Bergfriedes an der Nordmauer wurde entdeckt, Grundmauern und Gewölbereste im Pallas sowie das alte Burgtor im Westen konnten einwandfrei festgestellt werden. Auch der Westturm konnte ermittelt werden. Der Brunnen in den südwestlichen Gebäudeteilen, dessen Lage fast unbekannt war, wurde entdeckt. Auch zwei Halbtürme an der Südmauer wurden neu entdeckt sowie der größte Teil von Gebäudegrundmauern in derselben Lage.

Hand in Hand mit der Spatenarbeit gingen die Wiederherstellungsarbeiten. So wurde die ganze Ringmauer vom neuen Tor im Norden in ihrem Verlauf nach Osten, Südosten, Süden ausgebessert, zum Teil wiederhergestellt und auf eine gewisse Höhe gebracht. Die Ringmauer am Pallas wurde ebenfalls erneuert und auf Stockwerkhöhe gebracht. Das Kellergewölbe im Pallas wurde wiederhergestellt. Mit der

 

Ausgrabung des verschütteten Brunnens wurde begonnen; auch hier wurden zum Teil Ausmauerungsarbeiten vorgenommen. Die Entfernung der Schuttmassen aus dem Brunnen ist bisher bis zu einer Tiefe von 63 Meter gediehen. Die Gesamttiefe des Brunnens wird auf etwa 100 Meter geschätzt.

 

Schon oft ist die Frage gestellt worden, welches endgültige Ziel der Kreis Herford bei Durchführung der Arbeiten auf Burg Vlotho erstrebe. Das Ziel ist vorgeschrieben durch die praktischen Möglichkeiten. Das Fehlen jeglicher alter Pläne, Bilder, Ansichten und Beschreibungen über den mittelalterlichen Zustand der Burg verbot es von vornherein, Wiederherstellungsarbeiten durchzuführen, die eine Rekonstruktion des alten baulichen Zustandes versuchten. Aus diesem Grund war das Bestreben, die vorhandenen Ruinen zu konservieren und so weit zu vervollständigen, dass der Gesamtcharakter der früheren Burganlage auch dem Laien sichtbar wird. Die Entfernung aller unfachmännischen Bauzutaten, deren

 

Ausgrabungen 1939

Vorhandensein vorher schon angedeutet wurde, musste mit diesen Arbeiten Hand in Hand gehen. Ein Teil dieser Arbeiten kann erst in späterer Zeit nach Erstellung neuer Gebäude vorgenommen werden. Romantik und sachliche Gegenwartsforderungen müssen bei der Bauaufgabe miteinander in Einklang gebracht werden. Den Bedürfnissen des modernen Fremdenverkehrs wird daher eine neu zu errichtende Gaststätte gerecht werden, die sich in ihrer Bauart so der alten Burganlage anpassen muss, dass diese nicht gestört wird. Der westliche alte Wohnteil der Burg wird daher von einer Neubebauung gänzlich freigehalten und durch die baulich etwas hervorzuhebende vorhandene Trennmauer gegenüber dem großen Vorhof abgeschieden werden. Im Vorhof sind außer einem kleinen viereckigen Bau an der Astmauer und einem Torhaus am Nordtor nur entlang der Südmauer Bebauungsreste vorgefunden worden. Im Zuge dieser Bebauungsreste an der Südmauer, die offenbar frühere Wirtschaftsgebäude darstellten, werden sich auch die neuen Wirtschaftsräume der Burgschenke in Zukunft erheben. Das Gebäude der jetzigen Gastwirtschaft wird eine bauliche Veränderung zum Zwecke seiner Einpassung in das Burggelände erfahren. Danach wird in diesem Gebäude das Kreisheimatmuseum - Abteilung Vlotho - untergebracht werden. Ein besonderes Bauvorhaben zur Charakterisierung der alten Burganlage stellt die beabsichtigte Wiedererbauung des Bergfriedes dar, der, offenbar vielleicht zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges der modernen Feuerwaffenkunst weichend, einmal abgebrochen wurde, um einer sogenannten Batterie Platz zu machen. Aus den vorhandenen Grundmauerresten des Bergfriedes ist zu ersehen, dass dieser in seinem unteren Teile vier Meter starke Mauern und einen Durchmesser von 10,40 Meter besaß. Dieselben Maße hat auch der Bergfried auf der Krukenburg bei Karlshafen an der Weser. Durch dieses Vorbild ist deshalb die Wiederherstellung des Bergfriedes in seiner ursprünglichen Form in etwa möglich. Der neue Bergfried soll, an die richtige Stelle gesetzt, auch Ersatz bieten für den abgerissenen Bismarckturm, der an einer Stelle stand, wo früher nie ein Turm sich erhob und somit den Charakter der Anlage schädigte. Der neue Bergfried wird mit seiner Höhe von 3o Metern und seiner Mächtigkeit ein Denkmal werden für bedeutende Männer unserer Landschaft und gleichzeitig den Lebenden die Schönheit unserer Weser und des Minden-Ravensbergischen Hügellandes erschließen.

Es ist der feste Wille des Kreises, durch die Ausgestaltung der Burg Vlotho in vernünftiger Weise die große geschichtliche Vergangenheit und ihre Männer zu ehren und durch Einrichtung eines volksnahen Museums das Verständnis für die Leistungen unserer Väter in den breiten Volksschichten zu wecken und zu vertiefen. Darüber hinaus soll durch sich einpassende moderne Einrichtungen der Volksgesundheit und Erholung gedient werden. An diesem schönen Platze unseres Kreises mögen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Hand reichen. Mit dieser Arbeit wünscht der Kreis Herford der Heimat, dem deutschen Volke und seiner Kultur zu dienen.